07.04.2016 von Sven Ste­phan

Zu dumm für Mark Twain.

"Der Un­ter­schied zwi­schen dem rich­ti­gen Wort und dem bei­na­he rich­ti­gen ist der glei­che wie zwi­schen ei­nem Blitz und ei­nem Glühw­ürm­chen.“ Das hat Mark Twain wohl einst ge­sagt. Wir al­le wis­sen aber auch, dass Blit­ze ge­hö­ri­gen Scha­den an­rich­ten kön­nen, wäh­rend wir ei­nem Glühw­ürm­chen in ei­ner lau­en Som­mer­nacht fast schon ver­träumt und von der Na­tur ge­heim­nis­voll be­rührt un­se­re Auf­merk­sam­keit schen­ken. 

Da­her ver­ste­he ich zwar, rein ra­tio­nal be­trach­tet, schon was Markt Twain hier sa­gen woll­te, ich kann ihm aber emo­tio­nal nicht fol­gen. Ist es mei­ne so­zia­le In­tel­li­genz, die mir hier im We­ge steht, bei dem Ver­such den gro­ßen Meis­ter ein­fach so, ge­dan­ken- und ge­fühls­los, ab­zu­ni­cken? Oder ist es viel sch­lich­ter? Liegt es al­lein in der grund­sätz­li­chen Ab­we­sen­heit je­g­li­cher In­tel­li­genz, die mir die ein­fa­che Zu­stim­mung ver­wehrt.  

Aber al­lein die Vor­stel­lung, so ein sch­reck­li­cher, ge­wal­ti­ger Blitz kön­ne, aus dun­k­lem Him­mel, so ein un­schul­dig vor sich hin leuch­ten­des, sanf­tes Glühw­ürm­chen tref­fen und das Klei­ne in nochk­K­lei­ne­re Stü­cke zer­rei­ßen, lässt mich zu tief er­schau­dern.

Al­f­red Brehm schrieb in Brems Tier­le­ben:"Sie strah­len ei­nen wun­der­ba­ren, ge­wis­ser­ma­ßen Erds­ter­nen nach­ah­men­den Glanz aus, wel­cher mit ei­ner La­ter­ne und dem Mon­de hin­sicht­lich der Hel­lig­keit zu wet­t­ei­fern schein­t“. 

Und da­von ein­mal ab­ge­se­hen, wer wuss­te schon, dass ein Glühw­ürm­chen ef­fi­zi­en­ter leuch­tet als je­de En­er­gie­spar­lam­pe? Wäh­rend ei­ne Glüh­bir­ne oft nur nur 5% Ih­rer En­er­gie in Form von Licht ab­gibt und den Rest als Wär­me, gibt ein Glühw­ürm­chen ex­akt 95% sei­ner En­er­gie in Form von Licht ab. Und das al­les läuft dann auch noch über Bio­lu­mi­nes­zenz ab, das heißt sie er­zeu­gen über ei­ne che­mi­sche Re­ak­ti­on in ih­ren Zel­len selbst das Licht.

Welch Wun­der der Na­tur. Ich den­ke da­her, der Un­ter­schied zwi­schen dem rich­ti­gen Wort und dem bei­na­he rich­ti­gen Wort liegt nicht al­lein in sei­ner Leucht­kraft, son­dern auch in sei­ner An­zie­hungs- und An­triebs­kraft.

Es ist steht au­ßer Fra­ge - auch Blit­ze ha­ben ih­re Fas­zi­na­ti­on und kön­nen - aus si­che­rer Di­s­tanz - den Be­trach­ter in den Bann zie­hen. Ein Blitz kann Dich aber auch um­brin­gen, er­b­lin­den las­sen, läh­men und taub ma­chen. In der Re­gel ver­suchst Du auch dem Blitz­ge­wit­ter eher aus­zu­wei­chen und nicht we­ni­ge fürch­ten sich vor dem harm­lo­sen Donn­er­hall, der es be­g­lei­tet. Ein Glühw­ürm­chen da­ge­gen zieht Dich ganz lei­se in sei­nen Bann. Es kann Dei­ne Auf­merk­sam­keit, in ei­ner hei­ßen Som­mer­nacht, über lan­ge Zeit auf sich len­ken und Dich durch­aus da­zu brin­gen, ihm lan­ge auf sei­nen Weg zu be­g­lei­ten.

In die­sem Sin­ne den­ke ich, es ist mit den rich­ti­gen Wor­ten wohl so, wie so oft im Le­ben. Wor­te kön­nen elek­tri­sie­ren, Dich er­hel­len, wach­rüt­teln und in den Bann zie­hen - als Blitz­strahl wie auch als Glühw­ürm­chen. Es hängt al­lei­ne vom Kon­text ab, von dem Mo­ment und dem Ort an dem Sie fal­len und wir­ken sol­len.

Hier das rich­ti­ge Wort, das wie ein gi­gan­ti­scher Blitz die Men­schen wie­der­be­lebt, die fast leb- und re­gungs­los in ei­nem grau­en In­for­ma­ti­ons­b­rei da­hin­sie­chen. Dort ein ro­man­ti­sches Glühw­ürm­chen-Glühen, wo die See­len in ei­ner ver­stö­rend ei­si­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­käl­te zu er­frie­ren dro­hen.

Wie auch im­mer wir es se­hen! Für den rich­ti­gen Un­ter­schied sorgt auf je­den Fall im­mer ein Wort. 

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