01.06.2011 von Sven Ste­phan

Wie? Die spa­ni­sche Gur­ke war es doch nicht?

Wie geht es Euch? Auch ent­setzt? Da ste­he ich heu­te mor­gen mit all mei­nen me­dial ge­fes­tig­ten Vor­ur­tei­len fröh­lich auf und dann die­se Nach­richt! Das kann nicht sein! Es pass­te doch al­les so per­fekt zu­sam­men. Al­lein schon se­man­tisch und  so vom Wort­klang. Spa­ni­sche Grip­pe. Spa­ni­sche Gur­ke. Wer soll­te da noch Zwei­fel ha­ben? Ich doch nicht. Mensch, da war doch al­les „cla­ro, per­fec­to“, ein­fach „va­le“!

Die Spa­ni­er wie­der! Die­se klei­nen Sch­mutz­fin­ken. Und jetzt - Zei­ge­fin­ger kehrt Marsch - oder was? Wie ste­he ich denn da? Als deut­scher Bes­ser­wis­ser! Al­lein schon mit mei­ner - im nach hin­ein wohl un­halt­ba­ren The­o­rie - dass dies ein ge­ziel­ter kri­mi­nel­ler Akt war? Ei­ne Er­pres­sung so­zu­sa­gen - ihr wisst schon. Ken­nen wir doch von den Jungs, die die Le­bens­mit­tel in Su­per­markt­ket­ten ver­seu­chen und dann Koh­le da­für ver­lan­gen. Al­so nicht da­für, dass sie wei­ter­ma­chen son­dern da­mit sie da­mit auf­hö­ren.

Ja. So ha­be ich es mir hübsch aus­ge­dacht. Die Spa­ni­er se­hen ja ge­ra­de was mit Grie­chen­land ge­schieht. Wie kei­ne Koh­le mehr? Da wer­den wir doch gleich mal in wei­ser Vor­aus­sicht ein pro­phy­lak­ti­sches Si­g­nal set­zen. Und weil man in Spa­ni­en (Spa­ni­er = Fleisch­fres­ser) glaubt, dass man in Deut­sch­land (Deut­sche = Sa­lat­fres­ser) nur Grün­zeug kn­ab­bert, hat man sich da­für die Gur­ke aus­ge­sucht. Und nicht nur des­we­gen. Ich mei­ne so ei­ne Gur­ke hat schon ei­ne ge­wis­se Sym­bo­lik. Der dro­hen­de Zei­ge­fin­ger oder ein Tor­pe­do? Und das per­fi­des­tes an der Sto­ry - weil man ja die Gur­ke eher im grie­chi­schen Bau­ern­sa­lat oder gar Tzat­zi­ki ver­mu­tet, konn­te man so­zu­sa­gen noch ei­ne fal­sche Sch­mutz-Spur le­gen. Das dach­ten sich die Spa­ni­er so und dach­ten da­bei nicht an das Robert Koch In­sti­tut und die deut­sche Gründ­lich­keit.


Mensch - ich war mir da so si­cher. Die Ex­per­ten - die hat­ten 100% Recht. Ex­per­ten ha­ben doch im­mer Recht. Und wenn sich dann noch deut­sche Ex­per­ten in ih­ren wei­ßen Kit­teln, so wie in ei­ner B-Mo­vie Ad­ap­ti­on von „Out­b­re­ak“ vor die Ka­me­ras stel­len oder set­zen, dann ha­ben sie er­st­recht Recht!

Auch wenn ein po­li­tisch sehr in­ter­es­sier­ter Freund stets mahn­te und mein­te, der bru­ta­le EHEC-An­griff auf die deut­sche Volks­ge­sund­heit seit die kras­se, ers­te Of­fen­si­ve ei­ner lang­fris­ti­gen Kam­pag­ne be­son­ders re­ak­tio­nä­rer Kräf­te. Pau­se! Und dann wei­ter.

Ziel sei es zwei Flie­gen mit ei­ner Gur­ke zu schla­gen. In­ner­deutsch rich­te sich die­se Kam­pag­ne - al­lein schon auf­grund der Farb­sym­bo­lik - ein­deu­tig ge­gen den grü­nen Zeit­geist. Das sei der ers­te Pau­ken­schlag ge­gen die „Ge­mü­se­fres­ser“ im Sin­ne von: „Zu­rück zur Na­tur? Klar - kanns­te ha­ben. Und zwar so­fort!“. 

Bö­se. Bö­se, den­ke ich mir, aber das Le­ben ist nun mal kein sü­ß­es Zu­cker- son­dern eher ein ris­kan­tes Gur­ken-Sch­le­cken. Si­cher­lich ist der Ge­dan­ke mei­nes Freun­des auch ei­ne in­ter­es­san­te Ver­schwör­ungs­the­o­rie wert. Mir ist das je­doch et­was zu hoch ge­grif­fen. Warum auch das Gan­ze? Was wä­re denn das Mo­tiv da­hin­ter? Mein Freund kennt es na­tür­lich: „Da­hin­ter ste­cken wie im­mer die Amis. Die ma­chen jetzt Eu­ro­pa ka­putt, tei­len es sich dann spä­ter mit Russ­land auf, um dann ge­mein­sam ge­gen Chi­na ge­wapp­net zu sein.“ Al­so neee. Wie pro­fan ist das denn? Ich bit­te doch um et­was mehr ...ähhhmmm?....Be­wei­se vi­el­leicht? Fak­ten zum Bei­spiel? Gründ­li­che Ana­ly­sen? Al­so ir­gen­was halt­ba­rem be­vor man mit solch ver­we­ge­nen Ge­dan­ken an die Öf­f­ent­lich­keit tritt. Au­ßer­dem - was sol­len wir denn un­se­ren En­keln ein­mal sa­gen. Knapp vier­hun­dert Jah­re nach dem „Pra­ger Fens­ter­s­tur­z“ kommt der mo­der­ne Re­ak­tio­när mit ei­ner Gur­ke an­ge­rannt?

Nicht, dass mich hier je­mand miss­ver­steht. Ich ma­che mich nicht im ge­rings­ten lus­tig über die ak­tu­el­le EHEC-Wel­le. Es ist trau­rig was da pas­siert und weil es manch­mal eben auch töd­lich en­det, ist es so­gar tra­gisch. Ge­n­au­so tra­gisch wie die durch­schnitt­lich 70-120 To­des­fäl­le, die im Jahr durch Sal­mo­nel­len be­dingt sind. Um­so tra­gi­scher ist aber nun auch das, was ge­ra­de mit un­se­ren Zei­ge­fin­gern pas­siert. Wo­hin da­mit?

Hal­lo - Me­di­en? Ir­gend­ei­ne Idee? Rich­tung Hol­land vi­el­leicht? Oder doch Grie­chen­land? Es muss jetzt ganz sch­nell ein Schul­di­ger her und ver­dammt noch mal - auch wenn wir es selbst sind. Gibt es nicht ir­gend­ei­ne ar­me Sau in Nord­deut­sch­land, die eh längst um ist? Ideal wä­re es na­tür­lich gä­be es noch ir­gend­wel­che spa­ni­sche Connec­ti­ons. Vi­el­leicht so ein ar­mer Bau­er, der ge­ra­de aus Mal­le kommt? Oder ei­ne Ge­mü­se­h­änd­le­rin, die ih­re Haa­re mit spa­ni­schem Oli­ven­öl wäscht? Auf je­den Fall brau­chen wir rasch ein Selbst-Op­fer, das - vor lau­fen­den Ka­me­ras -  dann erst­mal prä­sen­tiert wird, da­mit wir in al­ler Ru­he wei­ter­su­chen kön­nen.

Doch nix pas­siert. Es ist jetzt schon gleich Di­ens­tag-Nach­mit­tag und die Me­di­en ha­ben kei­nen rich­ti­gen Zug. Statt­des­sen fah­ren sie bil­li­ge Ab­len­kungs­ma­növ­er und füt­tern die deut­sche Pa­nik-See­le mit „Krebs durch Han­dy-Nut­zung“. Und wer ist Schuld? App­le? No­kia? Sam­sung? Gibt es ei­gent­lich noch ei­nen deut­schen Han­dy-Her­s­tel­ler? Al­so wo­hin mit dem Fin­ger? Ha­ben wir vi­el­leicht al­le zu viel mit dem Han­dy te­le­fo­niert und uns da oben et­was weg­ge­brannt?

Ach was ein Di­lem­ma. Be­son­ders wenn man jetzt an die Mil­lio­nen Fin­ger denkt, die nicht nur aus Spa­ni­en auf uns ge­rich­tet sind. Auf uns, die wir schein­bar recht hys­te­risch und leicht­sin­nig ei­ne kom­p­let­te In­du­s­trie ei­nes so­wie­so schon an­ge­schla­ge­nen eu­ro­päi­schen Part­ners zer­stö­ren. Und das in nur we­ni­gen Ta­gen! Da braucht man kei­nen Krieg mehr - das schaf­fen mitt­ler­wei­le ein paar Ex­per­ten und deut­sche Me­di­en.

Wer mich kennt, weiß es. Ein ko­mi­sches Ge­fühl be­sch­leicht mich seit Wo­chen. So lang­sam ge­hen uns die Freun­de flö­ten. Fau­le Grie­chen. Lin­ke Por­tu­gie­sen. Sch­mut­zi­ge Spa­ni­er. Und am En­de sind sie al­le auch noch un­schul­dig!! Was ein Mist.

Und so sch­nell ha­ben wir ihn dann wie­der im Ram­pen­licht ste­hen. Den bö­sen, un­sym­pa­thi­schen Deut­schen. So­zu­sa­gen ei­ne Art „Mar­ken-He­ri­ta­ge“, die ge­ra­de ihr „Re­vi­val“ er­lebt. Die WM 2006? Das wel­t­of­fe­ne, fröh­li­che und par­ty­gei­le Ale­man­nen-Biest? Al­les nur Fa­ke? Schaut Eu­ro­pa wie­der der Rea­li­tät ins Ge­sicht und was sieht es da? Schwarz-rot-gol­de­nen Zei­ge­fin­ger und die­se „trot­zi­gen Bes­ser­wis­ser, Ober­leh­rer und grund­sätz­li­chen Recht­ha­ber deut­scher Na­ti­on“. Mal ein „kur­zes Sor­ry am Ran­de vi­el­leich­t“, oder ein­fach nur mal die „Klap­pe hal­ten, bis man jetzt was ge­naue­res wei­ß“? Das wä­re schon ei­ne Wohl­tat in die­sem Land.

Mensch, Leu­te - wascht Euch die Fin­ger. Ba­det täg­lich in Sa­kro­tan. Wascht und häu­tet die Gur­ken, duscht den Sa­lat mit hei­ßem Was­ser, zieht den To­ma­ten die Haut ab oder lasst halt ein­fach al­les lie­gen. Und denkt auf je­den Fall da­ran - der nächs­te Win­ter und auch re­gen­rei­che Som­mer kommt ganz ge­wiss. Und dann - viel Spass in Grie­chen­land und so...

Nun gut. Was soll ich ma­chen? Ich ler­ne jetzt zur Si­cher­heit schon mal Schwiz­zer­dütsch und re­de halt nicht übers Wet­ter. In die­sem Sin­ne wün­sche ich Euch al­len wei­ter­hin viel Glück und ganz viel Spass beim täg­li­chen Über­le­bens­kampf.

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