13.09.2012 von Sven Ste­phan

Schwei­ne im fa­ce­book

Er stell­te die Kaf­fee­tas­se ne­ben den Rech­ner und klick­te wie­der auf sei­ne fa­ce­book Sei­te. Noch im­mer nichts Neu­es. Seit den letz­ten 10 Mi­nu­ten, in de­nen er die Kaf­fee­ma­schi­ne an­ge­schal­tet,  fa­ce­book das ers­te Mal ge­checkt und sich rasch ge­duscht hat­te, war ein­fach nichts in sei­nem so­zia­len Netz­werk ge­sche­hen.

Er klick­te mür­risch durch die al­ten News, die er seit Wo­chen schon nicht mehr be­son­ders span­nend fand. 

Er konn­te es sich nicht er­klä­ren, aber seit ge­rau­mer Zeit lang­weil­ten ihn die meis­ten Links und Ver­wei­se auf Se­kun­där-Mei­nun­gen, Se­kun­där-Ar­ti­kel, Se­kun­där-Bil­der, Se­kun­där-Mu­sik und ir­gend­wie kam ihm fa­ce­book neu­er­dings vor wie ein Ort, in dem sich die Un­ter­wä­sche frem­der Leu­te zu ei­nem gi­gan­ti­schen Hau­fen sta­pel­te, der nie sor­tiert, ge­schwei­ge denn je­mals ge­wa­schen wer­den soll­te.

An man­chen Ta­gen kam ihm sein Netz­werk wie ei­ne gi­gan­ti­sche Her­de wie­der­kau­en­der Kühe vor, die von al­lei­ne nicht ein­mal mehr ei­nen or­dent­li­chen Kuh­f­la­den pro­du­zie­ren woll­ten. 

­Sehn­süch­tig dach­te er an sei­ne Kind­heit zu­rück, wo selbst das lang­wie­rigs­te Kuh­f­la­den-Bin­go oder Kuh­f­la­den-Lot­to auf­re­gen­der war als sein un­mo­ti­vier­tes Her­um­ge­kli­cke auf fa­ce­book.

Er nahm ei­nen Schluck Kaf­fee, klick­te noch mal fa­ce­book an und konn­te er­neut nichts Neu­es fin­den. Das sch­limms­te aber war die Ge­wiss­heit, dass er dies heu­te noch ein paar mal ge­n­au­so ma­chen wür­de.

Aus lan­ger Lang­wei­le lud er sch­ließ­lich das Schnit­zel-Fo­to hoch, das er den Abend zu­vor,  eben­falls aus lau­ter Lang­wei­le zu­fäl­lig an ei­nem Nach­bar­tisch in sei­ner Stamm­kn­ei­pe ge­schos­sen hat­te. Er schrieb da­zu „Lost in Schnit­zel.“

Am frühen Abend war er über­rascht, dass 6 Dau­men be­reits nach oben zeig­ten. Spät abends schau­te er dann noch ein­mal vor­bei und aus 6 wa­ren es schon 10 ge­wor­den. Die Kom­men­ta­re da­zu wa­ren selt­sam und ver­wir­rend und lau­te­ten so ähn­lich wie „Hi­hi“, „Hmm le­cker“ und „Ich werd bei Schnit­zel auch im­mer de­pres­siv.“

Rat­los schau­te er auf den Teil sei­ner Welt, die ihm ver­traut und fremd zu­g­leich war. Die ihn an­zog und doch wie­der ab­stieß. In die­sem Mo­ment er­reich­te ihn ei­ne neue Freund­schaft­s­an­fra­ge. Kom­men­tar­los. Und so be­stä­tig­te er sie eben­falls schwe­ren Her­zens gruss­los.

Dann ging er frö­s­telnd ins Bett. Abends träum­te er von ei­ner selt­sa­men Par­ty, auf der sich al­le sei­ne fa­ce­book Freun­de tra­fen. Es war sehr be­f­rem­dend. Sie al­le tru­gen nichts au­ßer Un­ter­wä­sche und brach­ten Zei­tun­gen, CDs, DVDs, Bücher, be­kann­te Po­li­ti­ker, to­te Tie­re, Sän­ger und al­ler­lei Fo­tos von Din­gen und Men­schen mit. Er selbst stand mit ei­nem Schnit­zel in der Hand in ei­ner Ecke. Es herrsch­te die to­ta­le Ru­he, denn sie al­le spra­chen kein Wort mit­ein­an­der und zeig­ten nur ge­le­gent­lich mal mit ih­rem Dau­men nach oben.

Er er­wach­te früh in sei­nem kal­ten Angst­schweiß. Die Kaf­fee­ma­schi­ne lief be­reits, als er zum drit­ten oder vier­ten Ma­le, nach ei­ner hei­ßen Du­sche, auf fa­ce­book klick­te und end­lich ei­ne neue Sta­tus­mel­dung schrieb. „Das war gar nicht mein Schnit­zel.“ Aber selt­sa­mer­wei­se in­ter­es­sier­te das im Lau­fe des Ta­ges und auch in den fol­gen­den Wo­chen kein Schwein mehr.

Als er mich an­rief un mir dies al­les er­zähl­te, hat­te ich ge­ra­de mei­nen Blog auf­ge­ru­fen. Ich liess ihn re­den, schrieb ein­fach mit und setz­te den Link da­zu in mei­ne fa­ce­book Sta­tus­mel­dung und dach­te mir nicht viel da­bei, au­ßer - wir­k­lich be­ein­dru­ckend, wie ver­netzt wir doch al­le sind?

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