16.11.2015 von Sven Ste­phan

Nai­ve Ge­dan­ken ei­nes wehr­lo­sen De­mo­k­ra­ten über die ter­r­o­ris­ti­sche Ge­walt von Fun­da­men­ta­lis­ten.

Die Grün­der der Bun­des­re­pu­b­lik Deut­sch­land ha­ben sich zum Prin­zip der "wehr­haf­ten De­mo­k­ra­tie" be­kannt. Da­zu ge­hö­ren di­ver­se Schutz­mechna­nis­men wie z.B. die Ver­wir­kung von Grund­rech­ten, wenn die­se zum Kampf ge­gen die frei­heit­li­che de­mo­k­ra­ti­sche Grund­ord­nung miss­braucht wer­den (Art. 18 GG) und die Ver­fol­gung von Straf­ta­ten, die sich ge­gen den Be­stand des Staa­tes oder ge­gen die Ver­fas­sung rich­ten (sog. Staats­schutz­de­lik­te).

An­ge­sichts der Ant­wor­ten und Re­den nach den er­neu­ten An­grif­fen von is­la­mis­ti­schen Ter­r­o­ris­ten auf un­be­waff­ne­te, harm­lo­se Men­schen er­scheint un­se­re De­mo­k­ra­tie und er­schei­nen wir De­mo­k­ra­ten je­doch al­les an­de­re als wehr­haft. Ei­ne deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin, die da­von re­det - wich­tig sei doch jetzt, dass man viel mit­ein­an­der re­det und an­de­re ver­ant­wort­li­che Po­li­ti­ker, wie z.B. Her Schulz, Prä­si­dent des EU-Par­la­men­tes, der in al­ler Öf­f­ent­lich­keit er­klärt, die­se Form von Ter­r­o­ris­mus sei qua­si nor­ma­ler All­tag inn­er­halb der west­li­chen Welt, die­se Po­li­ti­ker ma­chen mir fast noch mehr Angst als der IS.

Es zeigt doch die Hil­f­lo­sig­keit weil Kon­zep­ti­ons­lo­sig­keit ei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft die auch Ra­di­ka­len, ob is­la­mis­ti­schen Fun­da­men­ta­lis­ten oder Neo­na­zis die glei­chen Frei­hei­ten und Rech­te ge­währt, wie dem mehr oder we­ni­ger nor­ma­len Bür­gern. Eu­ro­päi­sche Po­li­ti­ker, Ge­heim­di­ens­te und Po­li­zei­beam­te wis­sen wo sich die­se Fein­de der De­mo­k­ra­tie auf­hal­ten. Sie ken­nen die Ghet­tos in de­nen sie agie­ren, mit ih­ren Hass­re­den ih­ren Nach­wuchs re­kru­tie­ren und sie ge­ben of­fen zu, es sei un­mög­lich tau­sen­de von po­ten­ti­el­len An­g­rei­fern zu kon­trol­lie­ren.

Ich fra­ge mich - ist dass das Bild, das ei­ne wehr­haf­te De­mo­k­ra­tie ab­ge­ben soll­te? Muss De­mo­k­ra­tie in der Tat der­art an­ti­au­to­ri­tär sein und wenn ja - wie­so wird mir ei­gent­lich das Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung ver­wehrt? Wenn der Staat of­fi­zi­ell er­klärt, er kön­ne mich und mei­ne Liebs­ten vor sol­chen heim­tü­cki­schen At­ta­cken nicht schüt­zen, dann kann mei­ne Ant­wort dar­auf doch nicht sein, nur Ker­zen und Blu­men nie­der­zu­le­gen, mei­ne So­li­da­ri­tät mit den Op­fern und de­ren Fa­mi­li­en auf fa­ce­book zu be­kun­den und zu be­haup­ten, wir al­le sind stär­ker als die­se Ter­r­o­ris­ten.

Denn das stimmt of­fen­sicht­lich nicht. Wir sind es nicht und das ha­ben sie uns er­neut ge­zeigt. Ter­r­o­ris­ten kön­nen ein­fach mit Sturm­ge­weh­ren be­waff­net in un­se­ren In­nen­städ­ten auf­tau­chen und uns tö­ten, oh­ne dass wir - weil un­be­waff­net - zu­rück schie­ßen kön­nen. Sie kön­nen uns an Strän­den nie­der­met­zeln, aus 10.000 Me­ter Höhe run­ter bom­ben und uns vor Ort in un­se­ren Lie­b­lings­re­stau­rants und Ca­fés tö­ten. Wie vie­le Ker­zen und Blu­men müs­sen die Men­schen in Eu­ro­pa noch an wie vie­len Ter­r­o­r­or­ten nie­der­le­gen, da­mit Po­li­ti­ker end­lich er­ken­nen, dass dies nicht der nor­ma­le All­tag ei­ner De­mo­k­ra­tie sein kann und darf? Die ste­reo­ty­pi­schen Sonn­tags­re­den zur Stär­ke un­se­re De­mo­k­ra­tie rei­chen mir per­sön­lich nicht aus.

Ich kann mich nicht stark re­den ge­gen­über Ka­la­sch­ni­kows, die auf mich ge­rich­tet sind und ich muss deut­lich und ehr­lich ein­ge­ste­hen, ich wür­de mich stär­ker füh­len mit ei­ner Waf­fe in der Hand als mit der Re­de un­se­re Bun­des­prä­si­den­ten un­ter dem Arm.

Was er­war­tet der Staat ei­gent­lich von mir? Klar kann ich auf dem Weih­nachts­markt mit mei­nem Glühw­ein­glas in der Hand ei­nem schwer be­waff­ne­ten Ter­r­o­ris­ten hel­den­haft zu­pros­ten und zu­ru­fen: „Wir sind stär­ker als der Ter­r­or“ und ihn mit mei­nem Brat­würst­chen be­wer­fen und mit Senf be­sprit­zen - aber will ich das? Will ich das Op­fer ab­ge­ben, wie es die De­mo­k­ra­tie von mir fast schon ver­langt?
 
Ich ha­be lei­der kei­ne schwer be­waff­ne­ten Bo­dy­guards um mich her­um, und nie­mand sucht die Or­te, die ich be­su­chen möch­te, vor­her mit Sp­reng­stoff­hun­den ab. 

Un­ser Bun­des­prä­si­dent sag­te voll­kom­men rich­tig, wir ver­beu­gen un­se­re Köp­fe vor den Op­fern des Ter­rors aber wir beu­gen uns nicht vor dem Ter­ror! Ei­ne gu­ter Satz. Gu­te und star­ke Wor­te. Aber tun wir nicht ge­nau das Ge­gen­teil? Es wer­den Waf­fen auf uns ge­rich­tet und wir beu­gen uns, wir ver­krie­chen und ver­ste­cken uns, wir sprin­gen aus Fens­tern, stol­pern über Lei­chen und müs­sen wei­nend und, um un­se­re Le­ben fle­hend, auf die Knie ge­hen, be­vor uns in den Kopf ge­schos­sen oder die­ser uns mit ei­nem Schwert ab­ge­schla­gen wird.

Wenn ich die Wor­te un­se­res Bun­des­prä­si­den­ten hö­re, dann er­war­te ich auch star­ke Hand­lun­gen und nicht nur sc­hö­ne Re­den auf­rech­ter De­mo­k­ra­ten. Ich er­war­te, dass man den Fun­da­men­ta­lis­ten end­lich das Was­ser ab­gräbt und ih­nen die Rech­te un­se­rer Ver­fas­sung ver­wehrt, die sie be­kämp­fen.

Ich er­war­te ei­ne ehr­li­che Au­s­ein­an­der­set­zung dar­über, wie wir mit is­la­mi­schen Staa­ten und Dik­ta­tu­ren um­ge­hen, die Kri­ti­ker au­s­peit­schen und er­mor­den und die an un­se­rer De­mo­k­ra­tie vor al­lem die Rüs­tungs­gü­ter schät­zen, die wir Ih­nen zur Ver­fü­gung stel­len da­mit Sie ihr men­schen­ver­ach­ten­des Sys­tem auf­recht er­hal­ten. Ich er­war­te, das wir of­fen dar­über re­den, was wir von ih­nen mo­ra­lisch und po­li­tisch ver­lan­gen dür­fen, wenn wir Ih­nen un­se­re Au­tos und Fuss­ball­clubs ver­kau­fen. Ich er­war­te ei­ne ehr­li­che Au­s­ein­an­der­set­zung über die po­li­ti­schen Strip­pen-Zie­hern und Hin­ter­män­ner die­ser At­ten­ta­te, über die Hass­p­re­di­ger, die doch längst be­kannt sind und auch die kri­ti­sche Au­s­ein­an­der­set­zung mit ei­ner Re­li­gi­on, die sich wie kei­ne an­de­re Re­li­gi­on als tot­brin­gen­der Nähr­bo­den für Selbst­mor­dat­ten­tä­ter dar­s­tellt.

Wor­te wie „Kei­ne To­le­ranz ge­gen­über In­to­le­ran­z“ sind si­cher­lich sehr sc­hön ge­wählt, aber es geht um die Ta­ten, die die­sen Wor­ten drin­gend fol­gen müss­ten. Es geht na­tür­lich im­mer wie­der um die­se Fra­ge, wie viel Frei­heit ei­ne De­mo­k­ra­tie ver­trägt und wie viel Si­cher­heit sie be­nö­t­igt. Zu viel Frei­heit kann ex­t­re­mis­ti­sche und an­ti­de­mo­k­ra­ti­sche Mäch­te be­feu­ern und zu viel Si­cher­heit kann die in­di­vi­du­el­len Frei­heits­rech­te und un­se­re De­mo­k­ra­tie von in­nen aus zer­stö­ren.

In die­sem in­tel­lek­tu­el­len Span­nungs­feld, in dem auf­rech­te De­mo­k­ra­ten theo­re­tisch de­bat­tie­ren und sich eh­ren­haft st­rei­ten, be­we­gen sich Fun­da­men­ta­lis­ten in al­ler Frei­heit. Sie be­waff­nen sich. Sie tö­ten uns. Und un­se­re st­reit­ba­ren De­mo­k­ra­ten. Sie schau­en hin, sie schau­en zu und sie beu­gen sich doch vor der Ge­walt, die ei­ne De­mo­k­ra­tie ih­rer Mei­nung nach aus­hal­ten muss. Ein de­mo­k­ra­ti­scher Staat, der of­fen­sicht­lich mehr Angst hat, vor den ei­ge­nen Si­cher­heits­kräf­ten, als vor den An­g­rei­fern des Staa­tes er­scheint mit in der Tat hoff­nungs­los ver­lo­ren.

Es tut mir leid. Ich kom­me da emo­tio­nal und in­tel­lek­tu­ell ein­fach nicht mit und las­se mich ger­ne be­leh­ren.

In mei­nem Freun­des- und Be­kann­ten­kreis war die­ser Ter­ror­an­schlag in Pa­ris lei­der kei­ne Über­ra­schung. Es war für vie­le von uns nur ei­ne Fra­ge der Zeit, dass wie­der et­was pas­sie­ren wür­de und auch grö­ße­res, sch­lim­me­res. Ja wir wuss­ten, dass so et­was auf uns zu­kommt. Wir wis­sen auch, dass so et­was bei uns in Deut­sch­land pas­sie­ren wird. Ir­gend­wann. Ir­gend­wo.
Und wir hof­fen, dass es uns und un­se­re Lie­ben dann wie im­mer nicht trifft.

Vie­le von uns le­ben be­reits so, wie es der Prä­si­dent des EU-Par­la­men­tes bei Herrn Jauch ges­tern Abend be­schrie­ben hat und sie be­gin­nen da­mit, sich an den Ter­ror zu ge­wöh­nen, die­sen qua­si als „De­mo­k­ra­tie ge­ge­ben“ an­zu­se­hen. Ich emp­fin­de das als ein stück­weit per­vers und de­ka­dent.

Ich für mei­nen Teil, den­ke des­halb über die Be­waff­nung mei­ner Fa­mi­lie nach: mit sc­hö­nen Wor­ten, sc­hö­nen Ge­dan­ken zur wehr­haf­ten De­mo­k­ra­tie? Ja das si­cher­lich auch.

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