08.02.2017 von Sven Ste­phan

Je suis eu­ro­péen - wenn Na­tio­na­lis­mus der Ter­ror ist.

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VI­VE LA FRAN­CE. VI­VE L´EU­RO­PE.

Die Po­li­tik von Le Pen und Front Na­tio­nal ist für mich ein An­schlag auf die de­mo­k­ra­ti­sche Frei­heit und das fried­li­che, viel­sei­ti­ge und wel­t­of­fe­ne Eu­ro­pa, in dem ich auf­ge­wach­sen bin. 

Ich bin in ei­ner li­be­ra­len und sehr fran­ko­phi­len Fa­mi­lie groß ge­wor­den. Mein Va­ter ge­bür­ti­ger Of­fen­bur­ger war ein ech­ter El­sass-, Pa­ris- und Pro­ven­ce-Fan und be­t­reu­te dar­über­hin­aus als Wer­be­ma­na­ger über Jahr­zehn­te die Au­to­mar­ke Ci­troën in Deut­sch­land. Das Sa­voir-viv­re wur­de mir qua­si in die Wie­ge ge­legt und die köl­sche Ab­stam­mung mei­ner Mut­ter sorg­te zu­sätz­lich da­für, daß ich in ei­nem recht ge­nuss­o­ri­en­tier­ten, fröh­li­chen und sehr wel­t­of­fe­nen Am­bi­en­te auf­wuchs. 

Sehr ger­ne er­in­ne­re ich mich an die vie­len Ur­laubs­fahr­ten im Ci­troën DS, in dem ich zu­sam­men mit mei­nem Bru­der stun­den­lang auf den hin­te­ren Sit­zen, oder auf dem Bo­den lie­gend spiel­te, wäh­rend mein Va­ter wie „Gott in Fran­k­reich“ mit der Fa­mi­lie oft ins Aus­land in den Ur­laub fuhr.  

Spä­ter, als Ju­gend­li­cher, ent­deck­te ich Eu­ro­pa in viel mehr Fa­cet­ten und ich wur­de im Ge­gen­satz zu mei­nem Va­ter rasch ein Spa­ni­en-Fan. Aber egal wo ich war,  ich freu­te mich im­mer über die un­glaub­li­che Gast­f­reund­schaft, die ich er­le­ben durf­te und die we­ni­gen  Res­senti­ments, die mir als Deut­schem ent­ge­gen­ge­bracht wur­den. 

Kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit auf ei­nem Kon­ti­nent, des­sen Er­de wie kaum ein an­de­rer Kon­ti­nent mit dem Blut un­se­rer El­tern und Gro­ßel­tern und de­ren El­tern ge­tränkt wur­de - egal wel­cher Na­ti­on wir an­ge­hö­ren. Nur we­ni­ge Jahr­zehn­te spä­ter gab es statt Frem­den­feind­lich­keit und na­tio­na­ler Ab­schot­tung plötz­lich Schü­ler­aus­tausch, Städ­te­part­ner­schaf­ten und Bil­dungs­rei­sen. Al­le Zei­chen stan­den auf Ver­söh­nung. Eu­ro­pa hat­te die Schn­au­ze voll von der zer­stö­re­ri­schen Kraft der Na­tio­na­lis­ten und Fa­schis­ten und „Nie wie­der Krie­g“ schi­en mach­bar und so viel mehr als nur ei­ne po­li­ti­sche Vi­si­on. 

 Ein ve­r­ein­tes Eu­ro­pa, nicht nur im Eu­ro ve­r­eint, son­dern auch im Geis­te und im Her­zen, das war für mich dann auch ein voll­kom­men lo­gi­scher und längst schon vor­ge­zeich­ne­ter Weg. Wä­re ich re­li­gi­ös, so wür­de ich sa­gen, es war für mich „ein Gott ge­ge­be­ner We­g“. Ein Weg, den wir au­to­ma­tisch ge­hen muss­ten, an dem Eu­ro­pa nie­mals mehr Zwei­feln wür­de - egal wie hol­p­rig er sich er­wei­sen soll­te, egal wie­vie­le Stei­ne wir auch noch aus dem Weg räu­men müss­ten und egal wie­vie­le  Brü­cken es noch zu bau­en galt.

Ein fried­li­ches, bun­tes, le­bens- und lie­bens­wür­di­ges Eu­ro­pa als ei­ne un­zer­t­renn­li­che Ein­heit, das war für mich kei­ne Sci­en­ce fic­ti­on, son­dern eher ein Tat­sa­chen­ro­man.  

Bis vor we­ni­gen Jah­ren konn­te ich mir gar nicht mehr vor­s­tel­len, dass je­mals wie­der der gräß­li­che Geist ei­nes hass­er­füll­ten Na­tio­na­lis­mus durch Eu­ro­pa we­hen wür­de.   Of­fen­sicht­lich ha­be ich mich ge­irrt.  

Die Na­tio­na­lis­ten sind wie­der mit­ten un­ter uns und sie be­dro­hen er­neut den Frie­den in Eu­ro­pa und der Welt mit ei­ne rück­wärts ge­wand­ten Po­li­tik, die vol­ler Stolz auf ih­re na­tio­na­len Fah­nen schwört. Und jetzt auch Hol­land und Fran­k­reich? Und ich fra­ge mich be­drückt - wird aus­ge­rech­net Fran­k­reich zum Sar­g­na­gel für un­se­ren Frie­den in Eu­ro­pa?  

Die­ses wun­der­ba­re Fran­k­reich, aus dem mein ers­tes ei­ge­nes Au­to stamm­te, ei­ne „En­t­e“ auch als Ci­troën 2CV be­kannt. Die­ses pa­cken­de Fran­k­reich, das mich schon als Kind fröh­lich in den Bann zog, mit Fan­to­mas und vie­len an­de­ren Louis de Fu­nes-Fil­men, mit In­spek­tor Clou­seau oder Pier­re Ri­chard. Mei­ne Gü­te - da­mals war Fran­k­reich für mich das Hei­mat­land des Hu­mors, erst viel spä­ter wur­de es durch En­g­land er­setzt und den Hu­mor von Mon­ty Py­thon.  

Den­noch war es im­mer wie­der Fran­k­reich, das mich bis heu­te mit sei­ner Fan­ta­sie be­geis­ter­te und mit so wun­der­ba­ren Fil­men wie: Der dis­k­re­te Char­me der Bour­geoi­sie, Au­ßer Atem, Der eis­kal­te En­gel, Das gro­ße Fres­sen, Die fa­bel­haf­te Welt der Amé­l­ie, Ziem­lich bes­te Freun­de und so vie­len mehr. 

Fran­k­reich das war dann auch die Welt der ers­ten tief­sin­ni­gen Bücher und Ge­dan­ken von Ro­be­s­pier­re, Des­car­tes, Vol­tai­re, Rous­seau, Je­an Paul Sart­re, Al­bert Ca­mus, Si­mo­ne de Be­au­voir usw...und es war die Welt der Chan­sons, die mei­ne El­tern hör­ten - von Ge­or­ges Bras­sens, Ser­ge Gains­bourg, Edith Piaf oder Char­les Az­na­vour. Bücher und Lie­der, zu de­nen ich mei­ne ers­ten fil­ter­lo­sen Gau­loi­ses rauch­te und ei­nen fran­zö­si­schen Rot­wein trank.   

Erst spä­ter lern­te ich Fran­k­reich dann auch ku­li­na­risch ken­nen und ge­nie­ßen. Und wäh­rend sich die Vor­zü­ge der Hau­te Cou­si­ne zu­neh­mend an mei­nen Kör­per  ab­zeich­ne­ten, üb­te le­dig­lich die Hau­te Cou­tu­re als fran­zöi­sches Kul­tur­gut kei­ner­lei be­son­de­re An­zie­hungs­kraft auf mich. 

Und jetzt Fran­k­reich? Im­mer wie­der muss ich da­ran den­ken. Aus­ge­rech­net die­ses Land soll die­ser „Le Pen“ und ih­rer „Front Na­tio­nal“ ver­fal­len sein? Ich will und kann das nicht glau­ben. Nein - ich kann nicht glau­ben, dass Fran­k­reichs wah­re, krea­ti­ve, frei­heits­lie­ben­de und le­bens­fro­he, in­ne­re Grö­ße dem zer­stö­re­ri­schen Grö­ß­en­wahn selbs­t­er­nann­ter Na­tio­na­lis­ten un­ter­lie­gen mag. "Vi­ve la fran­ce“ – im Her­zen Eu­ro­pas und mit al­len fried­lie­ben­den Eu­ro­päern, die ge­gen den zer­stö­re­ri­schen und rück­wärts ge­wand­ten Na­tio­na­lis­mus auf un­se­rem Kon­ti­nent und in der Welt sind. „Vi­ve l´eu­ro­pe!“

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Ei­nen Kom­men­tar sch­rei­ben

Kom­men­tar von A. Sie­per | 15.02.2017

Ab­ge­se­hen vom furch­t­er­re­gen­den In­halt ein sc­hö­ner Text.

Lie­be Grü­ße von And­rea

Kom­men­tar von Sven | 16.02.2017

Hal­lo And­rea - Dan­ke und ja, die ak­tu­el­le La­ge Eu­ro­pas und der Welt er­scheint be­droh­lich.