30.08.2012 von Sven Ste­phan

„Ich will Eu­ro­pa“ klingt so be­f­rem­dend wie „Ich will Aus­tra­li­en.“

Wer mit mir in den letz­ten Wo­chen und Mo­na­ten au­ßer­halb von Fa­ce­book mal ge­re­det hat, wird mir si­cher­lich zu­stim­men: Die­se "Ich-will-Eu­ro­pa" Kam­pag­ne hät­te si­cher­lich so ähn­lich auch aus mei­nem Mac­Book stam­men kön­nen. Ga­ran­tiert nur mit ei­nem an­de­ren Ti­tel, ei­ner an­de­ren Ziel­grup­pe und oh­ne die­ses ner­ven­de Show­lau­fen deut­scher Pro­mi­nenz aus Po­li­tik, Wirt­schaft und Kul­tur.

Hin­ter der Kam­pag­ne, die aus der Fe­der der Agen­tur Blum­ber­ry in Ber­lin stammt, ste­hen die Robert Bosch Stif­tung und die Stif­tung Mer­ca­tor so­wie die "En­ga­gier­ten Eu­ro­päer", ein Zu­sam­men­schluss von elf Stif­tun­gen. Schirm­herr ist Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck. Mit an­de­ren Wor­ten se­hen wir hier ei­ne Pro-Eu­ro­pa-Kam­pag­ne, die von ei­nem Euro­fan wie mir ei­gent­lich nicht zu kri­ti­sie­ren und be­reits per se, auch durch ih­re Re­prä­sen­t­an­ten, hei­lig ge­spro­chen ist.

Den­noch - „Ich will Eu­ro­pa“ klingt für mich lei­der et­was be­f­remd­lich. Eu­ro­pa gibt es doch längst. Und wer wür­de heu­te ernst­haft for­dern - ich will Asi­en, Ame­ri­ka oder Afri­ka? Ok - man muss das nicht so eng se­hen und kann Eu­ro­pa sch­ließ­lich auch als ei­ne Idee be­trach­ten und sich auf ide­el­le, kul­tu­rel­le, po­li­ti­sche, wirt­schaft­li­che und noch vie­le an­de­re Aspek­te be­zie­hen.

Und dann, mei­ne Da­men und Her­ren, wird die Sa­che na­tür­lich span­nend. Denn was ist das ei­gent­lich - die­ses Eu­ro­pa vor das sich un­se­re gro­ße und klei­ne Pro­mi­nenz nun span­nen lässt? Ich bin ge­spannt wie kon­k­ret sie da wird. Denn die­se all­ge­mei­nen Wer­be­phra­sen, die ich bis­lang nur wie­der hö­re und le­se kön­nen es doch nicht sein - oder? Was soll das brin­gen und vor al­lem, wem soll das was brin­gen? Schon jetzt klingt das al­les doch wie­der viel zu sehr nach „Leis­tung durch Lei­den­schaf­t“, „Du bist Deut­sch­lan­d“ und „Durch Deut­sch­land muss ein Ruck ge­hen“.

Frau Mer­kel meint in Ih­rer Vi­deo­bot­schaft: "Eu­ro­pa ist und bleibt vor al­lem ei­ne Sa­che des Her­zen­s“. Das aber so man­cher Deut­sche beim Ge­dan­ken an Eu­ro­pa mitt­ler­wei­le vor ei­nem Herz­in­farkt steht, das scheint sie nicht be­dacht zu ha­ben und ir­gend­wie fehlt mir dann auch die  „Deut­sche Herz­s­tif­tung“ als Mit-In­i­tia­tor.
 
Ziel der Kam­pag­ne soll es si­cher­lich sein, den lie­ben Bür­gern ihr Eu­ro­pa wie­der ein Stück näh­er zu brin­gen. Aber - nur mal so am Ran­de rasch nach­ge­dacht - ich hät­te in der Tat ei­ne Kam­pag­ne be­grüßt und ge­fei­ert, die Po­li­ti­kern und Wirt­schafts­bos­sen un­ser Eu­ro­pa wie­der ei­ne Stück näh­er bringt. Auch hier scheint mir die Ziel­grup­pe deut­lich ver­fehlt.

Mein Fa­zit: Gut ge­meint. Sch­lecht ge­macht. Und ich be­fürch­te, dass ei­ne Kam­pag­ne wie die­se, wie so vie­le an­de­re auch, nur an der Ober­fläche kratzt vor der sie dann in Kür­ze ver­pufft.

Das wä­re scha­de und vi­el­leicht so­gar ge­fähr­lich und so drü­cke ich die Dau­men für den not­wen­di­gen Tief­gang und den lan­gen Atem ei­ner Eu­ro­pa-Kam­pag­ne, die in Zu­kunft vi­el­leicht doch mehr un­se­ren po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Eli­ten den Marsch bläst und ih­nen or­dent­lich Feu­er un­term Hin­tern, macht als Zu­cker in den sel­bi­gen zu bla­sen. 

Wer ernst­haft meint, aus­ge­rech­net der Ot­to-Nor­mal-Eu­ro­päer, der un­ge­fragt den Eu­ro lie­ben lern­te, müs­se heu­te im Jah­re 2012 der­art halb­sei­den me­dial be­la­bert wer­den, der irrt ge­wal­tig. Es geht um wich­ti­ge­res! Es geht dar­um, ihn zu be­geis­tern und mit­zu­rei­ßen - von Füh­rungs­kräf­ten, die das kön­nen. Wo sind die­se Kan­di­da­ten? Wo se­hen und hö­ren wir sie die Ta­ge? Auf Wer­be­an­zei­gen und in Wer­bes­pots? Das ist doch lächer­lich. Wo ste­hen sie im rea­len Le­ben und zei­gen uns vor­bild­haft für wel­ches Eu­ro­pa sie ei­gent­lich kämp­fen?

Für ein Eu­ro­pa zum Bei­spiel, das nicht nur in kal­ten Eu­ros denkt, son­dern auch in so span­nen­den Di­men­sio­nen wie po­li­ti­scher Mo­ral. Für ein Eu­ro­pa, das sich  welt­weit für den Ein­halt von Men­schen­rech­ten ein­setzt, sich der Mei­nungs­f­rei­heit, dem Um­welt­schutz und der so­zia­len Ge­rech­tig­keit ver­sch­reibt. Für ein Eu­ro­pa auf das wir Men­schen, die da­rin le­ben, stolz sein kön­nen und das nicht al­lein un­se­re Geld­beu­tel er­reicht son­dern auch un­se­re Her­zen, weil es eben aus Her­zen kommt. Wahr­schein­lich hat Frau Mer­kel es ge­n­au­so ge­meint und dann ge­be ich ihr aus­nahms­wei­se auch mal Recht.

In die­sem Sin­ne: „Ich-will-mehr-für-Eu­ro­pa“. Mehr Herz­blut, ei­ne „Blut, Schweiß und Trä­nen Re­de“, gro­ße Vi­sio­nen aus de­nen sich ers­te klei­ne­re Mis­sio­nen ab­lei­ten. Ich will mehr De­mo­k­ra­tie, mehr Mit­spra­che, mehr Ge­rech­tig­keit, mehr recht­li­che Ein­heit...al­les Phra­sen noch. Ich weiß. Al­so noch ein­mal. Ich will den ADAC für Eu­ro­pa, ei­ne Eu­ro­pa-Kran­ken­ver­si­che­rung, ein eu­ro­päisch ein­heit­li­ches Mie­ter- und Ver­mie­ter­recht, ein Eu­ro­pa-Kon­to, ei­ne Eu­ro­pa-Post, ein Eu­ro­pa-Fern­se­hen und ei­ne Eu­ro­pa-Schu­le, ein Eu­ro­pa KFZ-Zei­chen und mei­nen Eu­ro­pa-Rei­se­pass und nur noch Eu­ro­aus­weis. Ich will ei­ne Eu­ro­pa-Re­gie­rung, die von Eu­ro­päern di­rekt ge­wählt wird. Ich will ei­ne Eu­ro­pa GmbH, die auch an­ders hei­ßen kann. Ich will ein eu­ro­päi­sches Le­bens­mit­tel- und Ver­brau­cher- und Um­welt­schutz­ge­setz und ein Eu­ro­pa der re­ge­ne­ra­ti­ven En­er­gi­en. Ich will (ana­log zum Volks­wa­gen) ei­nen Eu­ro-Wa­gen, der mit Son­ne­n­e­n­er­gie be­trie­ben wird und den sich je­der  Bür­ger Eu­ro­pas leis­ten kann. Ich will Eu­ro­pa in je­der kleins­ten Ge­mein­de­stu­be und nicht nur auf dem Bör­sen­par­kett....und last but not least will ich end­lich Talk­shows, die sol­che und ähn­li­che Punk­te zum The­ma und ich will Mas­sen-Me­di­en, die Eu­ro­pa-Po­li­tik tran­s­pa­ren­ter und le­ben­di­ger ma­chen.

Al­so - gibt es nicht ei­nen Arsch voll zu tun für die­ses Eu­ro­pa? Sehr ge­ehr­te Da­men und Her­ren der ho­hen Po­li­tik, Wirt­schaft, Ju­ris­te­rei, der Me­di­en und Si­cher­heit­s­or­ga­ne. Es sind ih­re, die ge­fragt sind. Im Mo­ment aus­sch­ließ­lich - da bin ich gna­dens­los. Denn al­les an­de­re riecht ge­ra­de­zu mal wie­der da­nach, dass aus­ge­rech­net die den Kar­ren aus den Dreck zie­hen sol­len, die ihn nicht ein­mal in Be­we­gung ge­setzt ha­ben.

In die­sem Sin­ne. Mei­ne Al­ler­wer­tes­ten, Sie wer­den be­o­b­ach­tet. „Uns en­ga­gier­te Eu­ro­päe­r“ könnt ihr so rasch nicht für doof ver­kau­fen.

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