02.07.2013 von Sven Ste­phan

Ich bin ei­ne Ba­na­ne. Ich bin Chi­qui­ta - Du Af­fe.

Und ich bin et­was ve­r­ängs­tigt und zweif­le an mei­nem Ver­stand. Saß ich doch vor kur­zem im Ki­no und plötz­lich sah ich ei­nen Red Bull Spot. Für die Co­la. Und da pas­sier­te es schon wie­der - die Co­la sprach mit mir. Sie sag­te in et­wa:  „Ich bin ei­ne Red Bull Co­la und bl­abl­ab­la bl­abl­ab­la...“ und ich be­kam Gän­se­haut.

Denn das kam mir doch al­les sehr ver­traut vor. Hat­te mir doch kürz­lich erst ei­ne Ka­me­ra ihr Ich und ih­ren Na­men prä­sen­tiert. „Ich bin ei­ne Ni­kon.“ Und wäh­rend mein Es es mit der Angst zu tun be­kam und Fluch­t­re­fle­xe aus­lös­te, lausch­te mein Über-Ich völ­lig fas­zi­niert der lei­der sehr ba­na­len Selbs­t­er­kennt­nis ei­nes Co­la-Ichs, ge­n­au­so wie zu­vor dem  Ka­me­ra-Ich. Und mein ganz nor­ma­les Ich? Es be­gann der­weil an sei­nem Ver­stand zu zwei­feln.

Mein Ich schau­te auf sei­ne Schach­tel Pop-Corn und hielt sie an sein Ohr? Glück ge­habt. Völ­li­ge Ru­he. Kei­ne Stim­me die zu mir sprach: „Ich bin ein Pop­corn. Willst Du mit mir pop­pen?“ Den­noch - mein Ich bleibt schwer ver­un­si­chert. Ist das vi­el­leicht so ei­ne Art Vi­rus, der sich in un­se­rer Ge­sell­schaft ver­b­rei­tet? Nicht nur Ma­schi­nen, son­dern so­gar ein­fa­che Kon­s­um­gü­ter, er­ken­nen plötz­lich ihr Ich? Und noch sch­lim­mer - Sie fin­den sich so­fort to­tal geil und zwar so geil, dass sie sich bunt und pom­pös vor der Ka­me­ra ins­ze­nie­ren und es je­dem gleich aufs Ohr drü­cken müs­sen wie toll sie doch sind.

Ok. Ei­ne sp­re­chen­de und selbs­t­re­f­lek­tie­ren­de Co­la-Do­se hat was. “Ich den­ke al­so bin ich“. Was wür­de Des­car­tes nur da­zu sa­gen? Oder der Papst? Spricht hier Gott zu uns? Durch ei­ne Ka­me­ra? Oder eher der Teu­fel? Din­ge, die plötz­lich über sich selbst nach­den­ken, sich im Hier und Jetzt an ih­rer Exis­tenz er­f­reu­en, sich selbst als wert­voll be­g­rei­fen, sich als ein We­sen an­se­hen und sich dem Men­schen mit Spra­che an­bie­dern? Leu­te, das ist doch Teu­fels­zeug, oder?

Wie auch im­mer - könnt ihr euch vor­s­tel­len, mit wel­chen Ängs­ten ich seit­her mei­nen Kühl­schrank öff­ne? Stellt euch nur vor - ei­nes Ta­ges hört ihr sie re­den. Al­le.  Der Tag an dem der Vi­rus sie er­fasst hat. „Ich bin ei­ne But­ter“. „Ich bin ein Jo­gur­t“. „Ich bin ein Sa­lat­kopf“. „Ich bin ein Wod­ka“ ....ja da­vor ha­be ich Angst.

Und stellt euch nur die nächs­te Stu­fe vor. Wenn der Sa­lat­kopf be­g­reift, dass ich ihm nicht nur bald sein Köpf­chen wa­sche, son­dern ihm auch sei­ne Blät­ter­chen aus­reis­sen und ihn ver­spei­sen wer­de. „Nein - tu das nicht. Ich bin ein Sa­lat­kopf. Ich ha­be Ge­füh­le.“ Was dann? Das haut doch je­den Ve­ge­ta­ri­er um. 

Oder stellt euch nur fol­gen­des Sze­na­rio vor. Ihr stellt ei­ne Red Bull Co­la ne­ben ei­ne Ni­kon Ka­me­ra und die bei­den be­gin­nen sich un­te­r­ein­an­der aus­zu­tau­schen, bzw. sie wü­redn es ger­ne. Die Ka­me­ra sagt zur Do­se: „Hey Sü­ße was geht ab?“ Doch be­vor die Sü­ße noch ant­wor­ten kann, habt ihr sie be­reits ge­killt und die Lei­che im Müll ent­s­orgt. Al­so, ich mei­ne, dass kann so ei­ner hoch­sen­si­b­len Ka­me­ra auf die Dau­er doch sehr schwer zu­set­zen.

Und, un­ter uns Ichs, wer will sich schon auf ei­ne be­zie­hungs­ge­stör­te Ka­me­ra ein­las­sen? Die ver­saut Dir doch al­le Fo­tos von DEI­NER Sü­ß­en. Fa­mi­li­en­fo­tos? Da klickt sich so ne Ni­kon dann doch völ­lig aus. Und aus der Per­spek­ti­ve ei­ner „Red Bull Co­la“ wird es auch nicht viel bes­ser. Wer bit­te will schon sei­ne Lip­pen an ei­ne Do­se set­zen, die sich ih­rer Ver­gäng­lich­keit be­wusst wird und Dich um Gna­de an­f­leht: “Das kannst Du nicht ma­chen. Ich bin ei­ne Do­se. Ich le­be. Ich füh­le. Ich re­de mit Dir. Mein Saft ist mein Blut. Mein Blut ist mein Le­ben. Du kannst mich doch nicht aus­sau­gen wie ein Vam­pir? Bit­te. Bit­te. Bit­te. Trink  Was­ser und so wei­ter und so fort..“  Buahhh...Gän­se­haut. Al­so ich wür­de wahr­schein­lich al­le Red Bull Do­sen die­ser Welt auf­kau­fen und sie vor mei­nem und eu­rem mör­de­ri­schen Durst ret­ten.

Ahhhh...ich ver­ste­he. Ist das vi­el­leicht der Trick der In­du­s­trie? Der Apell an mein Mit­ge­fühl? An mei­nen Hu­ma­nis­mus? An mei­ne so­zia­le Gel­da­der so­zu­sa­gen. Und an Ga­ran­tie­an­sprüche, die sich am En­de in Luft auflö­sen. Denn es ist doch klar - selbst ei­ner völ­lig ge­stör­ten Ni­kon müss­te ich am En­de ver­zei­hen. Denn „no­bo­dy is per­fec­t“ und „Ir­ren ist eben nicht nur men­sch­li­ch“...Mensch, das ist doch al­le völ­lig ir­re...dar­über lohnt es sich wei­ter nach­zu­den­ken. Aber jetzt nicht. Denn mein WC ruft. “Ich bin ei­ne Toi­let­te. Ich bin Vil­le­roy & Bosch. Ich will...“ und das er­spa­re ich uns jetzt mal..aber es ist noch nicht das En­de.

Nach­trag: Ein Tag spä­ter. Ein gu­ter Freund ver­such­te mich zu be­ru­hi­gen: "Sven, hier re­det nich die Ni­kon oder die Co­la, son­dern der Mensch, der Sie be­nutz und qua­si in ihr auf­geht. Hier spricht die ge­lun­ge­ne Syn­the­se aus Mensch und Ma­schi­ne aus Pro­dukt und Kon­su­ment. Der Mensch fühlt qua­si was es heisst "ei­ne Ni­kon zu sein" oder "ei­ne Red Bull Co­la". Er wird Teil des­sen was er be­gehrt und - ja - was Du jetzt vi­el­leicht als Per­sön­lich­keits­stör­ung an­siehst ist doch im­grun­de nur ei­ne Art Be­wusst­s­eins­er­wei­te­rung...äh..als Do­se und so..." Mei­ne Ant­wort war zu­nächst schroff: "Zu­erst will ich Dei­nen Dro­gen­test se­hen, be­vor wir wei­ter­re­den." Dann aber ver­such­te ich ihn zu ver­ste­hen...kann ein Bock­würst­chen am En­de De­pres­sio­nen hei­len? Schau­en so vie­le Frau­en im Tau­nus nur des­halb auf an­de­re her­ab, weil Sie ei­nen SUV fah­ren? Hat der zu ho­he Ver­zehr von Deut­sch­län­der­würt­schen gar et­was mit zu­neh­men­den Ras­si­mus zu tun?

Wow...wel­ches For­schungs­feld er­öff­net sich denn hier? End­lich ha­be ich das The­ma für mei­ne Dok­to­r­ab­reit ge­fun­den. Ist die zu­neh­men­de men­sch­li­che Käl­te am Ar­beits­platz vi­el­leicht nur dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass die Kühl­schrän­ke im­mer grö­ß­er und auch en­er­gi­ef­fi­zi­en­ter wer­den? Und jetzt..tä­te­rätäääää...kann es sein dass uns die vie­len Do­sen, die uns tag­täg­lich beim Kon­su­mie­ren in die Hän­de fal­len, au­to­ma­tisch da­zu ver­lei­ten ein­an­der nur noch sch­nell auf­zu­rei­ßen, her­um­zu­ki­cken und platt zu ma­chen? Ich glau­be - ich bin hier an ei­nem ganz, ganz gro­ßen The­ma dran. Dar­auf brau­che ich jetzt erst mal ein le­cker kal­tes Pils­ken und al­lein der Ge­dan­ke da­ran ist sch­licht­weg kö­n­ig­lich...

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