21.07.2012 von Sven Ste­phan

Gu­te Tex­ter sind halt gu­te Mär­chen­er­zäh­ler

Aber in man­chen Mär­chen steckt eben oft auch ein wah­rer Kern. So auch in die­sem...

"...es ge­schah vor kur­zem in ei­nem fer­nen, sehr klei­nen In­sel­reich ein recht wun­der­sa­mes Er­eig­nis, dass näm­lich ein gro­ßes, statt­li­ches, wohl ge­nähr­tes und in kei­ner Wei­se et­wa dum­mes Ka­mel aus dem Nord­land und ei­ne fei­ne, sü­ße, wun­der­h­üb­sche und in kei­ner Wei­se et­wa blö­de Zie­ge aus dem Süd­land ein klei­nes und kern­ge­sun­des Löw­en­ba­by zur Welt brach­ten. Pa­pa Ka­mel und Ma­ma Zie­ge schau­ten et­was ver­wun­dert aber auch vol­ler Stolz auf den klei­nen kräf­ti­gen Löw­en, der be­reits flei­ßig das Brül­len üb­te und mit sei­nen Pfo­ten um sich hau­te.

Die bei­den, de­nen ein hell­se­hen­den Ka­na­ri­en­vo­gel im Vor­bei­f­lie­gen ei­gent­lich die Ge­burt ei­nes scharf­sin­ni­gen Krebs­ba­by pro­phe­zeit hat­te, konn­ten ihr Glück den­noch beim An­blick des klei­nen Löw­en nicht fas­sen und lie­ßen es da­her ein­fach lau­fen. Das Glück, ein­mal an der lan­gen Lei­ne ge­las­sen, ver­b­rei­te­te sei­ne Bot­schaft rasch über die ge­sam­te In­sel und es dau­er­te nicht lang, da stahl die Nach­richt von der wun­der­sa­men Ge­burt des jun­gen Löw­en den bis da­to so be­lieb­ten Schidl­krö­ten-Ba­bys des In­sel­rei­ches die Show.

Aber dem Glück war das egal - denn es muss­te gleich wei­ter in die Welt hin­aus und war den­noch ein we­nig er­sc­höpft. Es be­sass auch kein Boot um die In­sel zu ver­las­sen und das gut ge­mein­te An­ge­bot der Möw­en, die das Glück mit ih­ren Flü­geln weit über das Meer hin­aus tra­gen woll­ten, konn­te es nicht an­neh­men, da es von Ge­burt aus lei­der nicht schwin­del­f­rei war.

Wäh­rend das Glück al­so auf­ge­regt am Ufer hin und her sprang und über­leg­te wie es sich nun ver­b­rei­ten konn­te, sprach ihn plötz­lich ei­ne al­te und sehr wei­se Le­se­rat­te an, die über das Le­ben und die Welt mehr wuss­te als al­le In­sel­be­woh­ner zu­sam­men. Sie be­rich­te­te dem Glück von ei­nem ge­heim­nis­vol­len fa­ce­book, in das es nur sei­ne sc­hö­ne Bot­schaft hin­ein sch­rei­ben müs­se, da­mit es die gan­ze Welt au­to­ma­tisch er­fährt, oder zu­min­dest die, die es in­ter­es­sie­ren wür­de.

Aber das Gück konn­te ja nicht sch­rei­ben und die Le­se­rat­te konn­te nur le­sen und so wa­ren nun bei­de zu­sam­men doch ein we­nig rat­los. Da ge­schah es, dass plötz­lich das Nord­land-Ka­mel und die Süd­land-Zie­ge am Ufer er­schie­nen, mit dem klei­nen Löw­en­ba­by, das in ei­nem fei­nen Pal­men­blatt ge­wi­ckelt an ei­ner Pfo­te nu­ckel­te, und sich über die bei­den Ge­sel­len recht wun­der­ten. "Hal­lo un­ser Glück, was machst Du denn noch hier?", frag­ten sie höf­lich. "Wir wähn­ten Dich längst in der Fer­ne bei un­se­ren Freun­den?" "Und du, un­se­re schlaue Le­se­rat­te, was schaust Du uns denn heu­te nur so fra­gend an?".

Die bei­den er­zähl­ten dem Ka­mel und der Zie­ge dar­auf­hin so­fort von ih­rer miss­li­chen La­ge und plötz­lich grins­te das Ka­mel so breit wie nur Ka­me­le grin­sen kön­nen und er­klär­te das Pro­b­lem qua­si schon für ge­löst.

Das Glück und die Le­se­rat­te trau­ten ih­ren Oh­ren kaum, als sie er­fuh­ren, dass das Ka­mel doch tat­säch­lich sch­rei­ben konn­te und so be­ga­ben sie sich sch­ließ­lich al­le zu­sam­men zum fa­ce­book, das - wie die Le­se­rat­te be­rich­te­te - in ei­nem phan­tas­ti­schen Ort na­mens In­ter­net lag, den man über ei­nen vul­ka­ni­schen Hots­pot in der Nähe err­rei­chen konn­te.

Dem Löw­en­ba­by selbst war der gan­ze Rum­mel na­tür­lich scheiße­gal und das konn­te al­le auch gut rie­chen. So­weit konn­te und woll­te es noch gar nicht den­ken. Glück­lich und zu­frie­den schlab­ber­te es die le­cke­re Zie­gen­milch und liess sich von sei­nem Pa­pa-Ka­mel die Schn­au­ze sch­le­cken. So kehr­te lang­sam wie­der et­was Ru­he ein in das auf­ge­brach­te In­sel­reich ob­wohl das Löw­en­ba­by un­ter dem Ap­plaus sei­ner El­tern kraft­voll vor sich hin­pubs­te.

Nur bei den klei­nen Schild­krö­ten­ba­bys leg­te sich ein­fach nicht ihr kind­li­cher Gram. Denn Sie wuss­ten ja auch noch nicht, dass sie ja ei­gent­lich nur ei­nen neu­en Freund ge­won­nen hat­ten, der sie schon bald mit sei­nem Mut und sei­ner Kraft ga­ran­tiert vor so man­chem Miss­lich­keit be­schüt­zen wür­de. Und ih­rem Na­tu­rel ent­sp­re­chend soll­te das auch noch et­was län­ger als bei al­len an­de­ren gro­ßen und klei­nen Tie­ren im In­sel­reich dau­ern...aber das ist ei­ne ganz an­der­te Ge­schich­te

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