06.03.2015 von Sven Ste­phan

Gott ist doch ´ne Lach­num­mer.

Es gibt we­ni­ge Posts auf Fa­ce­book, die mich be­rüh­ren. Ganz sel­ten ver­an­lasst mich ei­ner zu ei­nem Blog­bei­trag. Dies­mal muss­te ich rasch mei­ne Ge­dan­ken auf­sch­rei­ben, um mal wie­der bes­ser schla­fen zu kön­nen. Ich nen­ne das "Aus­sch­rei­ben" - so wie sich man­che Leis­tungss­port­ler ger­ne noch­mal nach ei­nem Match oder Wett­kampf ein we­nig Aus­lau­fen.

Der fa­ce­book Bei­trag ei­nes jun­gen Kol­le­gen über ei­ne "re­g­li­giö­se Sek­te" mach­te mir spon­tan zu schaf­fen und lies mich plötz­lich er­in­nern. 

Als frei­be­ruf­li­cher Jour­na­list hat­te ich vor ca. 25 Jah­ren ei­ne mei­ner ers­ten Re­por­ta­gen dem The­ma "Sek­ten in Frank­furt" ge­wid­met. Sie er­schi­en da­mals im „Pflas­ter­stran­d“, lei­der ex­t­rem ge­kürzt.

Bei der Re­cher­che ging mir häu­fig der Arsch auf Grund­eis. Ich war jung, naiv, vo­gel­f­rei, hat­te kei­ner­lei pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zung oder gross­ar­ti­ge Si­cher­hei­ten durch ein be­ruf­li­ches Netz­werk. Zu­dem war ich da­mals auch noch so dumm, al­lei­ne zu In­ter­views mit den je­wei­li­gen Pres­se­sp­re­chern und -Ver­t­re­tern di­ver­ser Sek­ten zu ge­hen, zu klei­ne­ren Grup­pen und auch zu In­ter­views mit ge­wis­sen Eso­te­rik-Gu­rus. Als mir ein­mal ei­ne Da­me ei­ner welt­weit be­rühmt-be­rüch­tig­ten Sek­te tief in die Au­gen schau­te und mein­te, man se­he es durch­aus als ge­recht­fer­tigt an, pe­ne­tran­te Kri­ti­ker der Glau­bens­ge­mein­schaft zu eli­mi­nie­ren, da litt ich doch Wo­chen und Mo­na­te un­ter star­kem Ver­fol­gungs­wahn, der durch abend­li­che An­ru­fe bei de­nen sich nie­mand mel­de­te spür­bar ver­stärkt wur­de. 

Wie auch im­mer - ich ha­be es über­lebt und rück­bli­ckend wa­ren mei­ne we­ni­gen Er­fah­run­gen mit Sek­ten doch eher harm­los. Ge­n­au­so wie mit un­se­ren klas­si­schen Staats­re­li­gio­nen.

Ja! Ich hat­te das gro­ße Glück, dass ich in ei­ner ex­t­rem li­be­ra­len Fa­mi­lie auf­wuchs, die gut und ger­ne auf die Kir­che und an­de­re gött­li­che oder staats­ge­ge­be­nen Au­to­ri­tä­ten ver­zich­ten konn­te. Bei uns da­heim re­gier­te die kri­ti­sche Ver­nunft und das Wer­be­fern­se­hen. Zwei span­nen­de Ge­gen­sät­ze und we­sent­lich bun­ter und rei­bungs­f­reu­di­ger als die Bi­bel und ähn­li­che Mär­chen.

Dar­über hin­aus hat­te ich auch noch das zu­sätz­li­che Glück, an ei­nem - ich den­ke mal fast schon "ge­ne­ti­schen De­fekt" zu lei­den, der mich be­reits von klein auf im­mun ge­gen Re­li­gi­ons- und Glau­bens­din­ge mach­te. Nicht nur im­mun. Nein es war viel „sch­lim­mer“. Denn so­bald ich mich ir­gend­wel­chen Gläu­bi­gen zu­sam­men­kam, be­gann ich au­to­ma­tisch zu Zwei­feln, den Kopf zu schüt­teln und meis­tens schon nach we­ni­gen Se­kun­den breit zu Grin­sen, um kurz dar­auf hef­tig und meist sehr laut zu La­chen. Wenn dann noch je­mand mein­te, er müs­se im Na­men Got­tes zu mir sp­re­chen, dann war kein Hal­ten mehr und so man­cher Lach­krampf führ­te zu hef­ti­gen Mus­kel­ka­ter in den fol­gen­den Ta­gen und Be­schwer­den bei mei­nen El­tern.

Und mit "von klein auf im­mun" mei­ne ich wir­k­lich von klein auf. Das ging so weit, dass mich die Non­nen mei­nes ka­tho­li­schen Kin­der­gar­tens nicht mehr bei sich se­hen woll­ten und dass mein Opa mein­te, bei mei­ner ka­tho­li­schen Tau­fe hät­te das Weih­was­ser plötz­lich ge­bro­delt. An die ver­zwei­fel­ten Non­nen kann ich mich noch gut er­in­nern. An das Weih­was­ser nicht und ich den­ke, mein Opa, der ger­ne abenteu­er­li­che Ge­schich­ten er­zähl­te, hat­te mit Si­cher­heit auch hier mal wie­der ein we­nig über­zo­gen.

Spä­ter stand ich dann im ob­li­ga­to­ri­schen Re­li­gi­ons­un­ter­richt der Grund­schu­le stän­dig in der Ecke des Klas­sen­zim­mers - un­ter dem Kreuz mit dem Ge­sicht zur Wand. Mein per­ma­nen­tes kri­ti­sches Nach­fra­gen und mei­ne re­gel­mäs­si­gen Lach­krämp­fe wa­ren da­ran Schuld...und so un­ter­hielt ich mich der­weil mit Je­sus und bat ihn jetzt nur kei­ne Wun­der zu voll­brin­gen und mir auf den Kopf zu pin­keln.

Erst-Kom­mu­ni­on? Die viel für mich na­tür­lich auch aus. Und wäh­rend sich mei­ne Freun­de über ih­re vie­len wert­vol­len Ge­schen­ke freu­ten, muss­ten mei­ne El­tern vor Freun­den, Be­kann­ten und der Dorf­ge­mein­schaft zu­ge­ben, dass sie es ein­fach nicht ge­schafft hat­ten (auch mit den größ­ten ma­te­ri­el­len Be­s­te­chungs­ver­su­chen nicht), ih­ren Sohn ent­sp­re­chend dem dör­f­lich-re­li­giö­sen Kon­sens-Ge­tue pf­licht­ge­mäß zu ma­ni­pu­lie­ren, ge­schwei­ge denn ein Macht­wort zu sp­re­chen.

Es hieß, ich wä­re bis da­to wohl das ers­te Dorf­kind ge­we­sen, das sich in ei­nem der­art frühen Al­ter, die Frech­heit her­aus­nahm, die Erst-Kom­mu­ni­on zu ver­wei­gern. Aber ich glau­be am En­de wa­ren al­le mehr oder we­ni­ger froh, dass es so kam, dass ich nicht kam. Denn längst hat­te sich her­um­ge­spro­chen, dass die­ser klei­ne Rotz­ben­gel auch den re­li­giö­ses­ten Mo­ment in ein­zi­ge Lach­num­mer ver­wan­deln konn­te.

Aus mei­ner Sicht ge­schah dies al­les rein in­s­tink­tiv. Es war die­ses in­s­tink­ti­ve Ge­fühl, dass nie­mand, aber auch wir­k­lich nie­mand da­zu be­rech­tigt war, "geis­ti­ge, in­tel­lek­tu­el­le oder emo­tio­na­le" Macht über mich aus­zu­ü­ben. Ge­gen phy­si­sche Macht konn­te ich mich als Kind ja nicht weh­ren - aber auch von der wur­de ich zum Glück wei­tes ge­hend ver­schont. Und spä­tes­tens mit 16, als ich mich das ers­te mal tie­risch ver­lieb­te muss­te auch ich er­fah­ren, das es da je­man­den gab, die nun ver­sammt viel Macht über mich aus­üb­te...aber das war eben nicht der Schoss der Kir­che, son­dern der ei­nes zu­cker­süs­sen und bild­h­üb­schen Mä­d­els.

Mei­ne El­tern, mei­ne Fa­mi­lie, mei­ne Freun­de und die Be­kann­ten der Fa­mi­lie schüt­tel­ten auf je­den all noch lan­ge den Kopf über mich und mein an­ti­rel­giö­ses Ge­tue und ich merk­te früh, was es be­deu­te­te ein Au­ßen­sei­ter zu sein. Es war cool - man viel auf, bot Ge­sprächs­stoff und hat­te zu­min­dest schon mal ei­nen Na­men und ein Ima­ge, auch wenn die­ses durch­aus et­was "Teuf­li­sches" hat­te. Der Ex­or­zist aus Rom kam je­doch nicht vor­bei. Zum Glück - denn ich bin mir si­cher, er hät­te es ge­schafft, dass ich mich tot­la­che!

Hur­ra ich le­be noch. Und es soll­te da­mals gar nicht lan­ge dau­ern, bis auch ich mit mei­ner Hal­tung kein gro­ßes The­ma mehr war. Im frühen Er­wach­se­ne­nal­ter folg­te dann auch gleich der Au­s­tritt aus der ka­tho­li­schen Kir­che - ich wuss­te zu­nächst gar nicht, dass das ging :-), da es mir nie­mand ge­sagt hat­te. Un­ver­schämt - oder?

Bis heu­te se­he ich Re­li­gi­on ei­gent­lich im­mer noch mit viel Hu­mor. An­ge­sichts der vie­len grau­en­haf­ten und ver­b­re­che­ri­schen Ta­ten, die heu­te wie­der mit Re­li­gi­on welt­weit ver­bun­den wer­den, mag dies durch­aus ver­wir­ren. Auch mir mag ge­le­gent­lich das La­chen im Hal­se ste­cken blei­ben, aber am En­de kommt es dann zum Glück im­mer noch raus.
Nicht sel­ten wün­sche ich mir, mein "Gen­de­fekt" wä­re an­ste­ckend und wür­de sich doch end­lich un­ter der Mensch­heit als Seu­che aus­b­rei­ten. Ich bin mir si­cher - die Welt wä­re fried­li­cher und fröh­li­cher. Denn ge­mein­sam wür­den wir uns auf die Schen­kel klop­fen und la­chend in den Ar­men lie­gen, wür­de sich da je­mand vor uns stel­len und be­haup­ten, er oder sie ha­be die Stim­me Got­tes ge­hört oder er oder sie sei da­zu be­ru­fen, Got­tes Werk auf Er­den fort­zu­füh­ren oder zu vol­l­en­den.

Für mich ist es der­art wit­zig, Men­schen zu­zu­hö­ren, die glau­ben, Sie könn­ten ne­ben ei­ner ex­p­lo­die­ren­den Atom­bom­be über­le­ben, wenn Sie nur ein ge­wis­ses Me­di­ta­ti­ons­le­vel er­reicht hät­ten und ich ver­bie­ge mich vor La­chen, wenn ich hö­re, dass je­mand sein Ver­mö­gen aus­gibt, um sei­ne See­le oder was auch im­mer, Dank ir­gend­wel­cher Ma­schi­nen und Gu­rus zu rei­ni­gen und sein geis­ti­ges We­sen auf ein höhe­res Le­vel zu brin­gen.

Ja das al­les ist höchst lus­tig. BIS AUF EI­NES. Und ge­nau da ha­be auch ich ein ech­tes Pro­b­lem. DENN ge­nau da hört selbst bei mir der Spass auf. Wenn es um Kin­der geht.

Bei Kin­dern sa­ge ich des­halb ganz klar - kei­ne Re­li­gi­on vor 18. Al­so nicht vor 18:00 Uhr son­dern 18 Jah­ren. Kei­ne Re­li­gi­on und auch kein re­li­giö­ses Sek­tie­r­er­tum. Hier müss­ten mei­nes Er­ach­tens das Ju­gend­schutz­ge­setz drin­gend er­wei­tert und er­gänzt wer­den.

"§ 7 Ju­gend­ge­fähr­den­de Ver­an­stal­tun­gen und Be­trie­be" und "§ 8 Ju­gend­ge­fähr­den­de Or­te" wür­den sich doch an­bie­ten, Kir­chen hier gleich­sam mit ein­zu­be­zie­hen, wie auch all die an­de­ren Or­te und Ver­an­stal­tun­gen an de­nen Kin­dern „ei­ne un­mit­tel­ba­re Ge­fahr für das kör­per­li­che, geis­ti­ge oder see­li­sche Wohl droh­t“.

Auch "§ 15 Ju­gend­ge­fähr­den­de Trä­ger­me­di­en" und "§ 18 Lis­te ju­gend­ge­fähr­den­der Me­di­en" könn­ten sich nicht nur mit der Bi­bel au­s­ein­an­der­set­zen, son­dern eben auch mit al­len mög­li­chen re­li­giö­sen und pseu­do­re­li­giö­sen Pam­ph­le­ten.

Ei­ne Ge­sell­schaft, die Ju­gend­schutz ernst nimmt, soll­te dies ernst­haft prü­fen. Kin­der, die in Sek­ten hin­ein­ge­bo­ren wer­den sind mit Si­cher­heit un­g­leich sch­lim­mer dran, als Kin­der, die mal eben nur über das Tauf­be­cken ge­hal­ten wur­den. Und den­noch - al­le die­sen Kin­dern droht die Ge­fahr, dass sie voll­kom­men wehr­los ei­ner Macht aus­ge­setzt wer­den, die al­lein dar­auf ab­zielt, Kin­der zu ma­ni­pu­lie­ren, sie got­tes­fürch­tig und fü­g­ig zu ma­chen, sie zu kon­trol­lie­ren und von klein auf nach den ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen zu for­men, an­statt Kin­der zu frei­en und kri­ti­schen Gei­sern zu er­zie­hen.

Das Aus­ü­ben von Re­li­gi­on soll­te da­her vor dem 18 Le­bens­jahr in je­g­li­cher Form grund­sätz­lich ver­bo­ten wer­den.

Denn wie heisst es doch in Ar­ti­kel 2, Abs. 1 des Grund­ge­set­zes:

Je­der hat das Recht auf die freie Ent­fal­tung sei­ner Per­sön­lich­keit, so­weit er nicht die Rech­te an­de­rer ver­letzt und nicht ge­gen die ver­fas­sungs­mä­ß­i­ge Ord­nung oder das Sit­ten­ge­setz ver­stößt.

Wie aber kann ein Kind sein Recht auf die freie Ent­fal­tung sei­ner Per­sön­lich­keit wahr­neh­men, wenn es von klein auf in ein re­li­giö­ses Kor­sett ge­presst wird? Ein Kor­sett, das mal lo­cke­rer mal en­ger ge­schnürt sein mag - aber im­mer doch ein Kor­sett bleibt. Kin­der und Ju­gend­li­che soll­ten da­her grund­sätz­lich vor dem Kon­sum von Re­li­gi­on ge­schützt wer­den und das st­ren­ger noch als vor Al­ko­hol.

Kin­der­gär­ten und Schu­len soll­ten da­her auch grund­sätz­lich be­kennt­nis­f­rei sein und statt Re­li­gi­ons­un­ter­richt soll­te ein Fach wie „Mär­chen­stun­de“ oder „Glau­bens­stun­de“ an­ge­bo­ten wer­den, in dem al­le gän­gi­gen Welt-Re­li­gio­nen gleich­be­rech­tigt mit eben­falls welt­be­kann­ten Sek­ten ih­ren Platz ha­ben, in dem ih­re Ge­schich­te und ih­re Be­deu­tung in der Ge­gen­wart durch­ge­nom­men wird, ih­re häss­li­chen Sei­ten ge­n­au­so wie auch ih­re gu­ten - so­weit man sie denn fin­den mag. Da­zu ge­hört na­tür­lich auch die Au­s­ein­an­der­set­zung mit der grund­sätz­li­chen Fra­ge wer oder was ist Gott ei­gent­lich. Wo­für steht er oder soll­te er ste­hen und wem ge­hört Gott bit­te sc­hön?

Ich weiß - mei­ne Ge­dan­ken zu die­sem The­ma sind recht naiv. Aber ich bin mir si­cher. Um un­se­re Welt wä­re es ein­deu­tig bes­ser ge­s­tellt: Mit Kin­dern, die das Glau­ben und das Nicht­glau­ben von klein auf ler­nen dür­fen und die nicht von klein auf ler­nen müs­sen, das Sie glau­ben müs­sen.

All das dach­te ich mir beim und nach dem Le­sen ei­nes Bei­tra­ges auf fa­ce­book. Ich - ein Kinds­kopf halt...

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Ei­nen Kom­men­tar sch­rei­ben

Kom­men­tar von Die­ter J Ba­um­gart | 03.12.2016

Gu­ten Abend, lie­ber Sven Ste­phan,
Ih­re Aus­füh­run­gen ha­be ich mit In­ter­es­se ge­le­sen. Ich hat­te das Glück, daß Re­li­gi­on in mei­ner Kind­heit kein The­ma war, so blieb mir man­ches er­spart...
Ges­tern ha­be ich mei­ne St­reit­schrift "Wem ge­hört Gott" bei Li­te­rat­Pro ins Netz ge­setzt. Schau­en Sie doch mal rein, es wird Sie in­ter­es­sie­ren.

Mit freund­li­chen Grü­ß­en aus Fran­k­reich

Die­ter J Ba­um­gart