03.03.2012 von Sven Ste­phan

Nur ein Ge­dan­ke zur wach­sen­den Kri­tik am Wachs­tum.

Als Kri­ti­ker der Wachs­tums­kri­ti­ker hat man es der­zeit nicht so leicht. Ka­pi­ta­lis­mus-Kri­tik ist zeit­ge­mäß und adelt fast je­den Kri­ti­ker au­to­ma­tisch als ei­nen Gut­men­schen. Jeep Wr­anhg­ler fah­ren, mit dem Fug­zeug für ein Sch­lem­mer-Wo­che­n­en­de nach Bar­ce­lo­na dü­sen oder an exo­ti­schen Früch­ten na­schen - ist ak­tu­ell fast schon un­ters­te Schub­la­de.  Noch nie ha­be ich Ki­wis mit so sch­lech­tem Ge­wis­sen ver­zehrt. Ich sch­me­cke förm­lich den Ke­ro­sin im Obst­sa­lat. Und es­se ich den ar­men Wüs­ten­völ­kern jetzt tat­säch­lich auch noch die Dat­teln weg? Das al­les stimmt schon trau­rig. Denn - ich be­ken­ne mich - ich kon­su­mie­re ger­ne. Und sehr ger­ne das, was es eben nicht all­täg­lich um die Ecke gibt.

Ach was soll´s al­so. Rein da­mit. Dat­teln sind sch­ließ­lich so­was von ge­sund und ge­nau die rich­ti­gen En­er­gie­spen­der für die­se sch­nell­le­bi­ge Zeit. Auch nicht sc­hön? Die­ses Wahn­sinns-Tem­po! Men­schen­kin­der wo­hin denn nur mit mei­ner En­er­gie und wachs­tums­lie­ben­den Le­bens­lust? Selsbt­mord aus So­li­da­ri­tät kann auch kei­ne Lö­sung für die Mensch­heit sein.      Auf je­den Fall stimmt mich der Ar­ti­kel in der SZ wie­der ein­mal nach­denk­lich.

Da­bei bin ich doch ei­gent­lich gar nicht so bö­se. Das Pro­b­lem kommt nur au­to­ma­tisch beim Den­ken und Füh­len. Dann den­ke ich näm­lich ger­ne auch mal ganz weit zu­rück und schon weiß ich, dass ich nicht ger­ne so ge­lebt hät­te wie mei­ne Gro­ßel­tern. Und wie de­ren Gro­ßel­tern schon ganz und gar nicht - das fühlt sich mies an.

Die ne­ga­ti­ven Sei­ten des Wachs­tums sind of­fen­sicht­lich. Die po­si­ti­ven aber auch. Und wor­auf soll­te Mensch sich bes­ser  kon­zen­trie­ren? Wächst nicht ge­ra­de auch et­was zu­sam­men, das zu­sam­men ge­hört? Die Mensch­heit. Na­tür­lich ist das an­ge­sichts ei­ner stän­dig wa­chen­den Welt­ge­mein­schaft mit star­ken Wachs­tums­sch­mer­zen ver­bun­den. Aber al­lein schon des­halb ge­gen Wachs­tum sein? Weil´s halt auch mal weh tut?
 
Vie­les was in dem Ar­ti­kel auf­ge­führt wird, lässt ei­nen fast schon re­flex­ar­tig vor sei­nem Mac­Book Pro den Kopf ni­cken. Stimmt schon! Ja! Das sind mei­ne Wor­te. Doch schon die Tat­sa­che al­lein, dass ich die­sen Ar­ti­kel an ei­nem Sams­tag­mor­gen bei ei­ner wun­der­ba­ren Tas­se Lat­te Mac­ch­ia­to in mei­ner wohl­ge­heiz­ten Küche auf fa­ce­book auf­stöb­er­te, lässt mich au­to­ma­tisch an mei­nem Wohl­stand mäch­tig er­f­reu­en. Und der ba­siert auf reich­lich Wachs­tum, viel Ar­beit und auch or­dent­li­chem Ri­si­ko. Der Blick auf mei­nen gut ge­füll­ten Kom­bi-Kühl­schrank und die gu­ten Trop­fen in mei­nem Wein­re­gal ver­stär­ken die­ses Glücks­ge­fühl enorm. Sch­lech­tes Ge­wis­sen? Jein!! Eher et­was Pa­nik, ob ich mir all das wohl in Zu­kunft er­hal­ten kann, oder im bes­ten Fal­le eben auch noch top­pen? Ja - schaue ich mich um - dann weiß ich es so­fort: Ich möch­te ger­ne wei­ter wach­sen. Mir fehlt z.B. im­mer noch ein iPad.

Ich ge­be es zu. Ein Le­ben oh­ne ma­te­ri­el­len Wachs­tum, oh­ne Ve­r­än­de­rung oh­ne die bun­te Welt der Mög­lich­kei­ten, oh­ne Tem­po und Fort­schritt, macht mir et­was Angst. So­fort er­in­ne­re ich mich an mei­ne Abi-Ab­schluss-Rei­se in das da­ma­li­ge noch tief­kom­mu­nis­ti­sche Prag. War das ät­zend! Die­se Ar­mut und die­se übe­rall spür­ba­re Be­g­renzt­heit! Ei­ne ka­put­te Stadt mit trau­ri­gen Men­schen. Bei­de oh­ne Per­spek­ti­ve auf...ja auch Wachs­tum. Städ­te wie die­se gibt es heu­te un­zäh­l­i­ge auf die­ser Welt. We­gen Wachs­tum? Mei­nem Wachs­tum?

Ist das wir­k­lich so? Muss ich als „Gut-Men­sch“ das so se­hen und auch so hin­neh­men? Muss ich Schluss ma­chen mit mei­nem Le­ben­s­traum? Ach, wä­re es nicht sc­hön, der gan­zen Welt gin­ge es wie mir. Ist es  denn wir­k­lich be­wie­sen, dass sich in die­sem Fal­le un­se­re Er­de zu ei­ner ein­zi­gen Höl­le auf Er­den ent­wi­ckelt? Ist un­ser Wachs­tums­mo­dell wir­k­lich am En­de sei­ner Kräf­te oder ein­fach nur kurz da­vor, neu­es auf die Welt zu brin­gen. Neu­es, das auf je­den Fall dann wach­sen will. Ja - könn­te es nicht eher sein, dass ge­ra­de aus dem lust­vol­len Wachs­tums­st­re­ben her­aus, in Zu­kunft die glor­rei­chen Er­fin­dun­gen ent­ste­hen, die mei­nen großz­ü­g­i­gen wie auch ei­gen­süch­ti­gen Wunsch von Wacsh­tum und Reich­tum für al­le erst mög­lich ma­chen?

Dar­über muss ich auf je­den Fall noch ein we­nig nach­den­ken. Die Irr­we­ge er­schei­nen mir je­doch be­reits deut­lich sicht­bar. Hier die blin­den, ver­wöhn­ten Ka­pi­ta­lis­mus-Gläu­bi­gen oh­ne Krea­ti­vi­tät und Fein­ge­fühl und dort die eng­s­tir­ni­gen, ideo­lo­gisch ver­bit­ter­ten und oft­mals lei­der auch ver­zwei­fel­ten Wachs­tums­kri­ti­ker. Aber wel­cher Weg könn­te schon aus der Sack­gas­se füh­ren? Ich wa­ge es kaum zu sch­rei­ben...aber: Mehr „Li­be­ra­lis­mus“ wa­gen trotz FDP, könn­te ei­ne be­geh­ba­re Rich­tung sein, die mir ge­fällt. Ich weiß. Jetzt hö­re ich bes­ser auf.

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