03.06.2012 von Sven Ste­phan

Die Lei­den ei­nes "wer­den­den" Tex­ters.

Ein fal­sches Wort zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort. Ja - als Tex­ter ha­be ich es im ganz nor­ma­len Le­ben mit­un­ter nicht im­mer ein­fach. Da pas­siert es recht häu­fig, dass ein ein­zi­ges, be­wusst oder zu­fäl­lig auf­ge­schnapp­tes Wort, so­fort oder auch erst nach Wo­chen, der­art mi­li­tant mein Hirn ok­ku­piert, dass ich un­ver­züg­lich die Ver­sen­dung von Ein­g­reifs-Grup­pen für ei­ne ste­reo­tak­ti­sche Hirn-Ope­ra­ti­on for­de­re.

Das neu­es­tes High­light of­fen­bar­te sich mir kürz­lich, als ich an ei­ner Kon­di­to­rei vor­bei sch­len­der­te und mich die spon­ta­ne Lust auf ei­nen Ku­chen über­mann­te. Ich trat ein, und noch wäh­rend ich sab­bernd die bun­te Ku­chen­aus­la­ge be­sta­un­te und noch zö­ger­te, zwi­schen ei­nem ge­heim­nis­vol­len und sehr ver­füh­re­ri­schen Scho­ko­la­den­ku­chen und ei­nem, sich eher vor­der­grün­dig sinn­lich an­bie­dern­den Erd­beer­ku­chen, kam mir doch plötz­lich das Wort „Mut­ter­ku­chen“ in den Sinn. 

„Fuck it.“ Mit ei­nem Schlag war es um mei­nen Heiss­hun­ger ge­sche­hen, zu­mal mei­ne Au­gen ver­zwei­felt mi­t­an­se­hen muss­ten, wie mei­ne Fin­ger auf dem smart­pho­ne nach mehr In­for­ma­tio­nen und dem pas­sen­den Bild­ma­te­rial such­ten

„Mut­ter­ku­chen als Nach­ge­bur­t“ las ich - und sah es - ge­nau in dem Mo­ment, als mich die hüb­sche Ver­käu­fe­rin nach mei­nem sü­ß­en Wunsch frag­te. Wir wur­de sch­lecht und ich gab zu ver­ste­hen, dass ich mich noch nicht ent­schei­den konn­te. Je­mand an­ders wur­de be­di­ent und so­fort wur­de mir klar: Sven, das war´s jetzt erst­mal mit Ku­chen in je­g­li­cher Form, aber ganz be­son­ders na­tür­lich mit „Mut­ter`s Ku­chen“ (von wel­cher Mut­ter auch im­mer) auf Leb­zei­ten. Wie scha­de!

Na­tür­lich fra­ge auch ich mich, wie krank muss ich ei­gent­lich sein, um auf sol­che - durch­aus ja na­tür­li­che und Gott ge­ge­be­ne - As­so­zia­tio­nen mit­ten in ei­ner wun­der­ba­ren Kon­di­to­rei zu kom­men? Aber Leu­te, ich fra­ge mich auch, wie krank muss man denn bit­te sein, sol­che Be­grif­fe über­haupt zu er­fin­den und dann heu­te auch noch zu be­nut­zen, ge­schwei­ge denn Bil­der da­von ins In­ter­net zu stel­len? Ich fra­ge mich na­tür­lich auch - ob sta­tisch ge­se­hen Frau­e­n­ärz­te und wer­den­de Vä­ter deut­lich we­ni­ger Ku­chen es­sen, als An­dra­lo­gen und kin­der­lo­se Män­ner, und ob es wohl Chir­ur­gen mehr­heit­lich an die Nie­ren geht, wenn sie Le­ber es­sen?

Wie­so muss­te man über­haupt vor Jahr­hun­der­ten den latei­ni­schen Be­griff Pla­zen­ta ins Deut­sche über­set­zen? Das klingt doch fast schon Deutsch und wie konn­te man bit­te nur auf den Be­griff „Mut­ter­ku­chen“ oder gar „Frucht­ku­chen“ kom­men? Ich mei­ne - es hat ja auch nie­mand groß "Pro­sta­ta" über­setzt. Nicht als Va­ter­k­loß und Va­ter-Sem­mel­knö­d­el oder sonst was Le­cke­res.

Ich kann mir das nur wie folgt er­klä­ren: Der ein­zi­ge Nach­wuchs ei­ner le­gen­dä­ren Kon­di­tor-Fa­mi­li­en-Dy­nas­tie wei­ger­te sich wohl im 18 Jahr­hun­dert, selbst Kon­di­tor zu wer­den, um das Er­be sei­ner Fa­mi­lie an­zu­t­re­ten und wei­ter­zu­füh­ren. Er ent­schied sich statt­des­sen ge­gen den Wil­len der El­tern für den Be­ruf des Frau­en-Arz­tes. Dar­auf­hin wur­de er von sei­ner El­tern ver­sto­ßen und ent­erbt, die gleich­zei­tig ei­ne jun­ge schwan­ge­re Frau ad­op­tier­ten, die ei­nen Sohn zur Welt brach­te und mit ihm zu­sam­men die Kon­di­to­rei-Dy­nas­tie er­folg­reich ins nächs­te Jahr­hun­dert füh­ren soll­te. Der er­folg­lo­se und völ­lig ver­bit­ter­te Frau­en­zart er­fand da­ge­gen, qua­si als per­sön­li­che Ra­che am sü­ß­en Le­ben sei­ner Fa­mi­lie und de­ren Nach­kom­men, den „Mut­ter­ku­chen“ in der Hoff­nung, dem Kon­di­tor-Be­ruf auf ewig das Hand­werk zu le­gen.

Ich weiß - ich lei­de durch­aus un­ter ei­ner ge­wis­sen Ano­ma­lie im As­so­zia­ti­ons-Kor­tex und hof­fe, dass die­se nicht an­ste­ckend ist. Auf je­den Fall ver­ließ ich let­zend­lich die Kon­di­to­rei oh­ne Ku­chen und ver­such­te mich auch brav ab­zu­len­ken, in dem ich mich frag­te, ob es sich bei dem Be­griff ei­gent­lich um ei­ne Me­ta­pher oder ei­ne Me­t­o­ny­mie han­del­te?

So sch­len­der­te ich wei­ter durch die Stadt, noch leicht be­nom­men und und fühl­te mich doch ei­nen kur­zen Au­gen­blick bes­ser, als ich ein ver­lieb­tes Paar sah, dass sich ge­gen­sei­tig mit Ku­chen füt­ter­te und sich da­bei lie­be­voll auf die Lip­pen küss­te. Ein klei­ner Hoff­nungs­fun­ke flim­mer­te kurz auf und er­losch doch so­g­leich abrupt, als sich plötz­lich ein ge­mei­nes Bild in mei­nem Kopf macht­voll auf­tat, Das Bild von ei­nem däm­lich grin­sen­den Feu­er­wehr­mann, der ei­nen gi­gan­ti­schen Was­ser­schlauch auf mei­nen klei­nen Fun­ken rich­te­te. Und der ein T-Shirt trug auf dem ein ein­zi­ges Wort in rot­ten fet­ten Let­tern ge­schrie­ben stand: MUT­TER­MUND. Es folg­te die Ohn­macht...un­mit­tel­bar nach Wie­der­be­sin­nung frag­te ich mich, warum ich nur bei dem Be­griff Mut­ter­milch so ganz an­ders tick­te. Warum fühl­te ich mich da­bei so wohl - ober­halb wie un­ter­halb der Gür­tel­li­nie? Aber ich den­ke, al­lein schon die flüch­ti­ge Bil­der­su­che bei Goog­le macht doch klar, warum man bei die­sem wun­der­ba­ren Wort ein­fach so­fort die Lip­pen spit­zen muss...

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