14.02.2012 von Sven Ste­phan

ADS oder ADHS? Leck mich am A...

Da ha­be ich ja noch mal Glück ge­habt - oder nicht?

„Bleib mal ru­hig sit­zen! Kon­zen­tri­er dich! Was ist nur los mit Dir?...“ Mei­ne Lie­ben - wie oft ha­be ich das als Kind ge­hört? Ja, ich er­in­ne­re mich sehr gut an mei­ne ver­zwei­fel­ten El­tern. An ei­ne ab­wech­selnd wei­nen­de, sch­rei­en­de und vor Er­sc­höp­fung schwei­gen­de Mut­ter und ei­nen meist ge­nerv­ten Va­ter, den ich schon früh als Be­stim­mer und Herr im Hau­se in sei­ne Gren­zen ver­wies. An die oft wei­nen­de Oma, die mir den Drill ih­rer sc­hö­nen Hit­ler­ju­gend an den Hals wünsch­te und die stets vor Angst zit­tern­de Groß­mut­ter, die im Geis­te wahr­schein­lich die Sol­da­ten des Kai­sers rief, so­bald ich ihr Haus er­stürm­te. Zahl­rei­che Kin­der­gärt­ne­rin­nen und Leh­rer pflas­tern mei­ne Kind­heit und Ju­gend­zeit, die -na­tür­lich nur für so Kin­der wie mich- wie­der von der Ein­füh­rung der Prü­gel­stra­fe träum­ten und selbst ei­nen en­ga­gier­ten Pfar­rer ließ ich ver­zwei­felt vor Gott und sei­nen Schäf­chen im Re­gen ste­hen, bei sei­nen Ver­su­chen, mir den Teu­fel oder die Dä­mo­nen aus dem ner­vö­sen Kin­der­leib­chen aus­zu­t­rei­ben.

Ach, das wa­ren wir­k­lich sc­hö­ne Zei­ten. Durch­aus stres­sig für al­le Sei­ten. Aber vol­ler En­er­gie, Le­ben, Ak­ti­on und Re­ak­ti­on. Heiß. Bunt. Vol­ler Schweiß, Blut und Trä­nen. Und auch spä­ter dann lan­de­te so ein Pracht­bur­sche nicht et­wa in der Klapp­se son­dern ein­fach in der Wer­bung. Doch heu­te sieht das schein­bar an­ders aus. Der Kin­der­psy­cho­lo­ge wir´s schon rich­ten. Ein­mal kurz die Klap­pe auf­ge­ris­sen - schon hat das Kid Ri­ta­lin im Sch­lund. "Brav. mein Klei­ner. Komm mach Männ­chen. Und jetz Sitz." So macht der Wahn­sinn auf ganz nor­ma­lo. Ich hö­re sie förm­lich in mei­nen Oh­ren. Die Kin­der­stim­men in Nach­bars­gar­ten. "Wer hat Angst vorm schwar­zen Mann? Nie­mand! Und wenn er kommt? Dann schlu­cken wir..." und se­he Kids, die beim Blin­de­kuh spie­len mit ver­bun­de­nen Au­gen ein­schla­fen oder an­statt sich auf dem Pau­sen­hof or­dent­lich zu rau­fen lie­ber ge­nüg­sam in ei­ne Ecke stel­len und Ge­dich­te re­zi­tie­ren.

Ei­ne Mi­schung aus Gän­se­haut und Wut über­fiel mich beim Le­sen die­ses Ar­ti­kels über ADS und ADHS. Al­lein schon aus „brü­der­li­cher“ Sym­pa­thie mit den klei­nen En­er­gie­bün­deln, die man in Deut­sch­land neu­er­dings wohl früh­zei­tig kalt stellt und recht per­fi­de zur St­re­cke bringt.



„Was sind das nur für El­tern“, dach­te ich mir so­fort und dank­te dem Uni­ver­sum vol­ler De­mut für die Gna­de der frühen Ge­burt. 

An­de­rer­seits - vi­el­leicht wä­re ja aus mir mit der rich­ti­gen The­ra­pie und Phar­ma-Be­ra­tung  ein be­g­na­de­ter In­ge­nieur, Ma­the­ma­ti­ker, Phy­si­ker oder Che­mi­ker ge­wor­den? Vi­el­leicht wür­den wir heu­te längst schon un­se­re Au­tos mit Ei­gen­u­rin be­tan­ken oder ka­put­te Her­zen se­kun­den­sch­nell wie Bat­te­ri­en aus­tau­schen? Hät­tet mir nur mal je­mand Ri­ta­lin zum Früh­s­tück ge­reicht, dann müss­te ich heu­te nicht als Wer­be­tex­ter an mei­nen hart ver­di­en­ten Bröt­chen müm­meln und mich nicht über der­ar­ti­ge Nach­rich­ten in den Zei­tun­gen auf­re­gen. Nein - ich müss­te nicht per­ma­nent die­sen Blog be­fül­len, da­mit ich was für oder ge­gen (?) mein Auf­merk­sam­keist­de­fe­zit tue, son­dern ich wür­de längst schon ganz ent­spannt in mei­nem gol­de­nen Kä­fig lie­gen, brav mei­ne Blut­druck- und Schlaf­ta­b­let­ten schlu­cken und lie­ße mir ein we­nig  Auf­re­gung und Freu­de - per­fekt do­siert - von mei­nem Flach­bild­schirm und PC in mein Le­ben brin­gen. Ach wä­re das...schei­ße.

Mein Fa­zit - wenn ich zu­künf­tig hö­re, dass je­mand sei­nem ADS oder sei­nem ADHS-Kind ir­gend­wel­che Ta­b­let­ten rein pfeift, wer­de ich den El­tern so­fort ei­nen gu­ten Psy­ch­ia­ter emp­feh­len. Erst­mal nur für sie. Ein­fach um mal zu che­cken, ob sie sie denn noch al­le ha­ben?

Denn mir er­scheint es doch schwer im Be­reich des Mög­li­chen, dass uns neu­er­dings tat­säch­lich die Le­bens­mü­den er­klä­ren wol­len, wie die Welt so läuft.

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