27.10.2010 von Sven Ste­phan

Paul ist tot. Es le­be mein Pul­po.

Es gib noch gu­te Nach­rich­ten. Paul ist tot. End­lich. Ich ge­be es zu. Ich ha­be Paul nicht ge­mocht. Tin­ten­fi­sche mag ich eh nur auf dem Tel­ler. Sc­hön ge­grillt mit Kno­blauch, als Sa­lat mit gu­tem Es­sig, bes­tem Oli­ven-Öl, et­was Di­jon-Senf, Zi­tro­ne­saft, fri­chem grü­nen Pa­pri­ka, Zwie­beln und gu­tem Meer­salz und Pfef­fer an­ge­macht und na­tür­lich be­son­ders ger­ne auf die klas­si­sche ga­li­zi­sche Art. Da­zu noch ein köst­li­ches küh­l­es Glas Weiss­wein aus der Rue­da und dann kann von mir aus Deut­sch­land er­neut ge­gen Spa­ni­en ver­lie­ren (ana­log zu "die Welt un­ter­ge­hen")

Aber als WM-Ora­kel sind mir Tin­ten­fi­sche sehr su­spekt und wenn sie dann auch noch aus Ober­hau­sen kom­men und Paul hei­ßen,ver­ur­sa­chen sie sch­licht­weg ein Schleu­der­trau­ma in der Ma­gen­gru­be, das bis hin zu schla­g­ar­ti­gen und bru­tals­ten Brech­reiz-At­ta­cken füh­ren kann.

Um ei­nes vor­sor­g­lich gleich fest­zu­s­tel­len - es liegt nicht an dem Na­men Paul, falls sie Paul hei­ßen soll­ten oder ei­ner ih­rer liebs­ten Freu­de und es hat auch nichts mit Ober­hau­sen zu tun. Nein es liegt ganz ein­fach an die­ser un­heil­vol­len Kom­bi­na­ti­on von ge­wis­sen Zu­fäl­len und im­grun­de nur an ei­nem ganz be­stimm­ten TV Com­mer­cial, der mich und vie­le mei­ner Freun­de einst all zu lan­ge nerv­te. Und mit dem mein Hass auf Paul be­gann. "Wer ist denn ei­gent­lich Paul?" - das war doch längst nicht mehr die Fra­ge!!! "Warum er­scheint die­ses pau­li­ge Weichei nicht ein ein­zi­ges Mal, um die Mä­d­el auf ne Run­de Cur­ry­wurst mit Frit­ten ein­zu­la­den, oder auf ne le­cke­re Schlach­te­plat­te bei Mut­tern? Und warum fan­den plötz­lich so vie­le Mä­d­els um ei­nen her­um die­sen Spot so toll?" Das wa­ren längst die ei­gent­li­chen Fra­gen! Und die Ant­wor­ten dar­auf blie­ben meist aus oder wa­ren doch un­be­frie­di­gend pein­lich.

Wie ge­sagt - es be­gannt mit eben die­sem "vam­piref­fek­ti­ven" Spot, der mich auch zu kei­nem Zeit­punkt an das Pro­dukt mehr er­in­nern ließ, son­dern statt­des­sen nur aus ei­nen ar­men, un­schul­di­gen und völ­lig „fik­ti­ven Pau­l“ein häss­li­ches Mons­ter mach­te, ein gi­gan­ti­sches, asth­ma­ti­sches, pi­cke­li­ges,  sch­lei­mi­ges und warm­du­schen­des Mem­men-Mons­ter, ein Typ, der sein Ge­sicht und sein Hin­ter­teil mit ein und dem sel­ben  Wa­schlap­pen zu säu­bern pf­leg­te und des­halb auch zur Lach­num­mer wur­de...und...und dann war Paul end­lich weg von der Matt­schei­be.

Ich dank­te den Wer­be­göt­tern. Es herrsch­te Ru­he, ich muss­te nicht mehr an ihn den­ken und konn­te selbst den Pauls, de­nen ich auf Fes­ten und im Be­ruf be­geg­ne­te wie­der freund­lich die Hand schüt­teln. Lei­der nur für kur­ze Zeit.

Denn  Paul schlug zu­rück. Hin­ter­häl­tig und bös­ar­ti­ger als je zu­vor. Aus­ge­rech­net als die ei­gent­lich be­son­ders lieb­ge­won­ne­ne­ne (wenn auch et­was tra­gi­sche) Haupt­per­son mei­ner ga­li­zi­schen Lie­b­lings­spei­se "Pul­po al a gal­le­ga" ge­tarnt, brach­te er sich wie­der in al­ler Mun­de und auf al­le Ka­nä­le: von pri­vat bis öf­f­ent­lich recht­lich. Vom Früh­s­tücks­fern­se­hen bis zu den Spät­nach­rich­ten. Ja - es soll­te noch viel sch­lim­mer kom­men. Selbst in mei­ner Zweit­hei­mat „Spa­ni­en“, in der ich mich fa­mi­li­en­be­dingt oft auf­hal­te, soll­te ich nicht mehr vor sei­ner ten­ta­kelhfa­ten, me­dia­len Prä­senz si­cher sein - hier so­gar noch we­ni­ger als in Deut­sch­land.

Und selbst wenn ich Ta­ge lang kein Fern­se­hen schau­te und ich mich sämt­li­chen Print­me­di­en ver­wei­ger­te - so lag die Er­in­ne­rung an Paul, doch plötz­lich bei ei­nem Mit­ta­ges­sen bei Freun­den in Madrid wie­der auf mei­nem Tisch. Er roch wun­der­bar nach Kno­blauch, doch mir wur­de sch­lecht. "Schafft mir die­sen gott­ver­damm­ten Paul von mei­nem Tel­ler und..ach was, sch­meißt gleich den gan­zen Tisch auf den Müll", hät­te ich am liebs­ten laut ge­schri­en und schob statt­des­sen den köst­li­chen Pul­po ge­nervt und mit leicht zit­tern­der Hand bei­sei­te." Er­wür­gen soll­te ich ihn...heu­te noch nach Ober­hau­sen fah­ren, ihn aus sei­nem Aqua­ri­um ent­füh­ren und in ei­ner Li­ve-Show im In­ter­net, vor ei­nem ent­setz­ten Pu­b­li­kum, zu den Klän­gen der deut­schen Na­tio­nal­hym­ne, öf­f­ent­lich hin- und zu­rich­ten..." das wa­ren mei­ne düs­te­ren Ge­dan­ken da­mals. Heu­te schä­me ich mich da­für. Nur ein weing.

Denn - sie soll­te ich das al­les auch ver­kraf­ten? 



1. Die­ses völ­lig un­er­war­te­te bru­ta­le Me­di­en-Co­me­back von Paul.
2. Paul war jetzt ein Tin­ten­fisch.
3. Paul war jetzt ein Tin­ten­fisch, der auch noch was von Fuss­ball ver­stand. 
4. Paul war so­gar ein weis­sa­gen­des Tin­ten­fisch-Ora­kel und welt­weit be­liebt.
5. Paul sag­te auch noch die Nie­der­la­ge der Deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft vor­aus. Nein - er pro­vo­zier­te sie durch sei­ne Vor­her­sa­ge.  Das war si­cher.
6. Paul kam aus Ober­hau­sen - was über­haupt kei­ne Rol­le spiel­te, mich aber den­noch oder ge­ra­de des­halb be­son­ders  nerv­te.  

Jetzt ist Paul tot! Er ru­he in Frie­den!!! Und er mö­ge dort bit­te ewig ru­hen. Si­cher bin ich mir da nicht. Die Nach­richt, dass man ei­nen Nach­fol­ger für Paul ge­fun­den hat, den man nun auch Paul nennt, neh­me ich nicht wei­ter ernst. In  Paul dem Zwei­ten steckt nicht die­se durch­trie­be­ne See­le von Paul dem Ers­ten und wo und wann die­se in wel­cher Form wie­der auf­tau­chen mag, das weiß kei­ner -  und wenn über­haupt, dann wahr­schein­lich nur ein spa­ni­scher Fi­scher buddhis­ti­schen Glau­bens, den es grund­los in die Ucker­mark ge­zo­gen hat. Kennt den je­mand?

Und ob­wohl ich es mitt­ler­wei­le doch wie­der ge­schafft ha­be, mei­nen Pul­po - wie auch im­mer zu­be­rei­tet - vor­ur­teils­los zu ge­nie­ßen, träu­me ich manch­mal da­von, dass ich mit ei­nem Deut­sch­land-Fähn­chen in der Hand ans Him­mels­tor klop­fe, wor­auf mir ein weiss­wein­trin­ken­der Tin­ten­fisch öff­net und mich die­sem so­ge­nann­ten Gott vor­s­tellt, der mich, mit zwei bild­h­üb­schen Mä­d­els in den Ar­men, freund­lich und lächelnd be­grüßt: „Hi Sven. Sc­hön, das du da bist. Ich bin Gott aber Du kannst ru­hig Paul zu mir sa­gen.“

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